Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.10.11; Superintendent Dr. Dieter Beese

Immer weiter und immer gescheiter

Liebe Hörerin, lieber Hörer, „Komm her - du bist ein Geschenk des Himmels!“ Hat Ihnen das schon einmal jemand gesagt? Vielleicht, als Sie ein Kind waren?

Viel Zuwendung und Liebe spricht aus diesen Worten. Davon zehren Sie sicher bis heute. Vielleicht haben Sie aber gerade dies auch am meisten entbehrt und vermisst.

Sprecher: Einige Leute brachten ihre Kinder zu Jesus, damit er ihnen die Hände auflegte, aber die Jünger wiesen sie ab. Als Jesus es bemerkte, wurde er zornig und sagte zu seinen Jüngern: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht, denn gerade für sie steht die neue Welt Gottes offen. Täuscht euch nicht: wer sich der Liebe Gottes nicht wie ein Kind öffnet, der wird sie niemals erfahren.“ Dann nahm er die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

So lesen wir es in der Bibel. Jesus nimmt die Kinder in die Arme und segnet sie. Er benutzt und verplant sie nicht. Damit hebt er sie heraus aus der Gesellschaft der Erwachsenen und gibt ihnen, was ihnen zusteht: besondere Aufmerksamkeit. Manchmal können Erwachsene das nicht zeigen: Du bist ein Geschenk des Himmels. Schlimmer noch: Kinder sind oft im Weg, oder werden gar für die Bedürfnisse Erwachsener missbraucht. Aber Kinder kommen nicht zur Welt, damit sie für uns einen Nutzen erfüllen. Es ist nicht ihre Aufgabe, die Eltern glücklich zu machen, nützliche Glieder der Gesellschaft zu werden oder die Renten ihrer Großeltern zu sichern. Kindern gehört das Reich Gottes.

„Wer sich nicht öffnet wie ein Kind…“, sagt Jesus. Ein Kindergedicht hat es mir besonders angetan:

Sprecher: Zuerst war ich klein, da konnt' ich nur schrei'n!
Doch ich wuchs mit der Zeit und wurde gescheit:
Konnt' sitzen im Wagen und Wörter sagen,
alleine stehen und aufrecht gehen
und Sachen zeigen und Treppen steigen
hinauf, hinunter, war das ein Wunder?
Und ich wuchs weiter, schaut' her! Da kommt noch mehr:
Die Nase putzen, eine Schere benutzen,
Springseil hüpfen, Schnürsenkel knüpfen,
zählen bis zehn und einkaufen geh'n!
Werfen und fangen, klettern auf Stangen,
ein Geheimnis bewahren und Fahrrad fahren,
den Purzelbaum machen und noch mehr Sachen.
Und ich wachse noch weiter und werde immer gescheiter!"

Wie Kinder sich vertrauensvoll hingeben können! Ins Leben hineinwachsen. Die Umgebung an jedem Tag neu entdecken, als wartete die Welt auf sie wie ein Geschenk, das ausgepackt werden will. Ist es nicht so: Wenn ich mich so richtig freue, dann freue ich mich wie ein Kind. Wenn ich ins Staunen gerate, dann mache ich große Augen wie ein Kind. Und wenn ich neugierig bin, dann kann ich meine Blicke kaum zügeln und die Finger gar nicht bei mir behalten.

„Ich wachse noch weiter.“ Das Wort Wachstum hat leider heute einen recht schalen Klang bekommen. Wirtschaftswachstum, Wachstumsmärkte. Erst Wachstum und dann die große Krise. Wie ernüchternd das ist! Von den Kindern können wir lernen, was wachsen bedeutet. Es ist ein Wachsen ins Leben hinein, beim Naseputzen angefangen – immer weiter und immer gescheiter. Ich hätte große Lust, mir an den Kindern ein Beispiel zu nehmen und gleich heute mal wieder ein bisschen zu wachsen, Sie auch? 

Viel Freude an den großen und kleinen Entdeckungen dieses Tages wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Münster

Audiobeitrag Immer weiter und immer gescheiter


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