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Wachstum
Wachstum ist unser Leben. Die Sehnsucht danach hat uns vollkommen im Griff. 2 Zimmer mehr zum Wohnen und höhere Decken. Ein größerer Busen. Höhere Energieeffizienz.
Steigerungen bei DAX und Nettolohn. Mehr Bildungsgerechtigkeit. Mega-Flachbildschirme. Mehr Gottesdienstbesucher. Die größten Koteletts all inclusive. Ich bin jetzt schon groß! ist der Lieblingssatz meiner bald 3-jährigen Tochter.
Wachstum kann ja auch richtig schön sein. Wenn aus Blumenzwiebeln prächtige Blüten werden oder aus einer gefräßigen Raupe ein schillernder Falter. Die ganze Natur lebt für ihr Wachstum. Deshalb erscheint das Wachstum als so natürlich. Auch in der Bibel heißt es ja: Seid fruchtbar und mehret euch.
Gefährliche Träumer, die sich gegen das Wachstum aussprechen. Linke Weltverbesserer. 1989 haben wir gesehen, was passiert, wenn Staaten das Wachstum ihrer Wirtschaft vernachlässigen. Sie brechen zusammen wie der gesamte Ostblock. Mal sehen, wie lange Kuba noch vor sich hin rotten kann.
Nur durch Wachstum erreichen wir paradiesische Zustände. Seltsam nur, dass im Paradies kein Wachstum eingeplant war. Dort war alles schon da. Es musste nicht mehr vermehrt werden. Pflanzen und Bäume standen dort für immer, ohne Werden und Vergehen. Wasser und Edelsteine gab es im Überfluss. Der Mann hatte eine Gefährtin an seiner Seite und die beiden sollten das alles bewahren nicht vermehren.
Doch der Mensch wollte es anders. Er wollte von Anfang an das Wachstum. Er wollte Erkenntnis. Wie Gott wollte er sein. Und vor allem konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sich zu vermehren: Schlange, Fruchtgenuss, Scham über die Nacktheit und schmerzhaftes Gebären: Die Geschichte vom Paradies und vom Sündenfall ist voller sexueller Bilder. Gott hatte die Welt beständig eingerichtet. Der Mensch wollte von Anfang an mehr. Das war der Sündenfall.
Genau, wie das Wachstum am Anfang nicht vorgesehen war, so kommt es am Ende nicht vor. Nicht nur im Paradies wurde nicht gewachsen, sondern auch nicht im Himmel. Dort gibt es kein Werden und Vergehen. Kein Wettbewerb und keine Beförderung. Vielleicht erscheint deshalb manch einem der Himmel so langweilig.
Ich kann mir ein Leben ohne Wachstum nicht vorstellen. Ich lebe in der Welt nach dem Sündenfall. Und in dieser Welt gelten andere Regeln als im Paradies oder im Himmel. Sich darüber hinwegzusetzen, ist utopisch. Ich muss also einen förderlichen Umgang mit dem Wachstum finden.
Auch wenn ich weiß, dass es voller Gefahren ist. Es kann unsere Umwelt zerstören. Es kann mein Denken gefangen nehmen. Und es macht abhängig: Denn wo es ausbleibt, taumelt die Gesellschaft von einer Krise in die andere.
Deshalb ist es gut zu wissen: Es kann alles auch ganz anders sein. Vermutlich nicht jetzt. Aber einst. Das beflügelt die Fantasie. Und bewirkt andere Sehnsüchte. Muss die Liebe zum Beispiel immer größer werden? Es ist doch schon wunderbar, wenn sie dauerhaft ist und beständig. Und das gleiche könnte doch auch für Fernseher und Häuser gelten.
Wachstum
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