Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.10.11; Pfarrer Sven Keppler

Du auch

Autor: Ihre Freundin war nachts allein unterwegs gewesen. Im Auto, strömender Regen, gewundene Landstraße. Ein anderes Auto war ihr entgegengekommen, hatte sie abgedrängt.

Drei Tage hatte die Freundin im Koma gelegen, dann war sie wieder aufgewacht. Judith Holofernes von „Wir sind Helden“ singt davon, wie es ist, das Überleben der eigenen Freundin zu begleiten. Welche Gedanken und Gefühle einem kommen.

Musik: Meine Freundin war im Koma und ich krieg nur ein lausiges T-Shirt, das sagt: du auch du auch du auch du auch auch du.

Autor: Du auch. Dir hätte das auch geschehen können. So, wie ihr T-Shirt da auf dem Stuhl auch deins sein könnte. Das schießt ihr immer wieder durch den Kopf am Bett der Freundin. Dabei hätte sie sich eigentlich ganz andere Gedanken erhofft. Die Freundin ist doch zurückgekehrt. Gerettet. Wieder im Leben. Wäre jetzt nicht Freude dran? Hoffnung?

Musik: Wir wollten alle gerne ein Souvenir vom Tunnelende. Aber du hattest selber viel Gepäck und ich weiß, du hast nur zwei Hände.

Autor: Ein Souvenir vom Tunnelende. Dort war die Freundin fast gewesen. Am Ende des Tunnels, wo das neue Leben beginnt. Könnte sie nicht etwas berichten von dort? Etwas, das Hoffnung macht? Und die Angst vor dem Sterben nimmt? Dann wäre das ‚Du auch’ erträglicher.

Musik: Aber gab’s nicht irgendwas, das sagt: Es ist okay, irgendetwas, das uns zeigt, es tut gar nicht weh?

Autor: Darauf zielt ihre Sehnsucht. Es soll nicht weh tun dort, wo man hinkommt. Hell soll es dort sein. Kann es nicht irgendetwas geben, was die Hoffnung stark macht? Auf dem Nachttisch steht eine Tasse. Die Freundin hat sie von ihrer Familie bekommen.

Musik: Und vorne drauf steht World’s best Mum und World’s best Wife und World’s best Friend.

Autor: Mami, du bist die beste. Und auch die beste Frau und Freundin. Schön, dass Du bei uns bleibst. Wir werden noch viel Wunderbares miteinander erleben. Nach einiger Zeit löst sich die Frau am Bett von ihren dunklen Gedanken. Sie schüttelt das ‚Du auch’ wieder ab. Sie sagt sich: Du hast nicht im Auto gesessen. Geh wieder ins Leben. Und hab ein Auge für das, was hier Hoffnung macht: diese liebevolle Tasse zum Beispiel.

Musik: Ich glaub, die Frau im Auto warst nicht du du nicht du nicht du nicht du nicht nicht du.

Autor: Die Frau hat am Bett ihrer Freundin wichtige Erfahrungen gemacht. Es tut gut, auch einmal an die eigene Sterblichkeit zu denken – auch wenn das schmerzhaft ist. Es tut gut, die eigene Sehnsucht zu spüren nach etwas, das Hoffnung macht. Manchmal kann eine kleine Tasse dann schon aufmuntern. Was wirklich trägt, ist aber etwas anderes. Mir hilft es, wenn Jesus sagt: Fürchte dich nicht. Ich lebe, und ihr sollt auch leben. In solchen Sätzen wird für mich etwas vom Licht jenseits des Tunnels sichtbar.

Musikinformation: Wir sind Helden, Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt; Album: Bring mich nach Hause (LC 24134)

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