Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.10.11; Jörn Heller

Und Gott spricht

Es gibt drei Worte, die habe ich in der Bibel nie so recht verstanden, obwohl sie dort immer wieder auftauchen, als sei das, worum es geht, die normalste Sache der Welt.

So ganz verstehe ich sie bis heute nicht, die drei unscheinbaren Worte: Und Gott sprach.

„Und Gott sprach: Es werde Licht!“ Und sofort wusste das Licht, was es zu tun hatte. „Und Gott sprach zu Noah: Mach dir einen Kasten aus Tannenholz!“ Und sofort machte sich Noah an den Bau der Arche. „Und Gott sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland!“ Und sofort brach der 75-jährige Greis mit seiner gesamten Sippe auf.

Und Gott sprach. Ja, was genau haben das Licht, Noah und Abraham denn gehört, dass sie danach sofort wussten, was zu tun ist? Aber wenn ich so frage, habe ich schon gleich zweimal nicht richtig hingesehen, denn erstens steht dort nirgendwo geschrieben, dass die drei Gottes Stimme hörten, so wie man die Stimme seines Chefs, seiner Schwiegermutter oder seines Steuerberaters hört. Und zweitens heißt es nirgends, dass es sofort Licht wurde, dass Noah sofort zum Archebau schritt und dass Abraham sofort die Brocken packte, so als sei das Wort Gottes eine simple Anordnung, die man einfach gedankenlos nach dem Motto „Dienst nach Vorschrift“ ausführt.  

Noah wird, bevor er zum ersten Mal den Hammer in die Hand nahm, berechtigte Zweifel daran gehabt haben, ob der Bau eines Schiffes fern vom Meer besonders sinnvoll ist. Und auch Abraham mag seine Bedenken gehabt haben, ob es tatsächlich ratsam ist, im fortgeschrittenen Rentenalter noch einmal sämtliche Zelte abzubrechen, um anderswo neu anzufangen. Nirgendwo wird in der Bibel behauptet, dass die Menschen, zu denen Gott sprach, immer sofort wussten, dass es Gott war, der sich ihnen mitteilte. Es wird lediglich behauptet, dass diese Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens etwas von höherer Warte vernahmen, dass sie als das Reden Gottes verstanden, und diesen Vorgang schildert uns die Bibel mit den schlichten Worten „Und Gott sprach“, ohne uns dabei ein Blick hinter die psychologischen Kulissen zu gestatten.

Wenn aber diese drei Worte nur das Ergebnis von verkürzter Redeweise sind, dann ist damit zu rechnen, dass Gott sich heute noch genau so zu Wort meldet wie damals bei den biblischen Ahnen. Dieses Wort ist allerdings etwas anderes, als das, was wir normalerweise darunter verstehen. Das zeigt bereits der Anfang des Johannes-Evangeliums, wo sich die steile Formulierung findet: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Ein solches Wort schnappt man nicht zwischen Tür und Angel auf. Um es zu vernehmen, bedarf es einer gespannten Aufmerksamkeit, die im stillen Kämmerlein genauso angebracht ist wie draußen vor der Tür. Um dieses Wort zu vernehmen, bedarf es der Offenheit gegenüber allem, was ich um mich herum höre und sehe, und der Erwartung, dass mir darin von höherer Warte jederzeit etwas widerfahren kann, das mich auf die richtige Spur bringt.

Mit dieser Erwartung kann ich zwischen all dem Gerede, dem ich jeden Tag ausgesetzt bin, Gott vernehmen, der immer noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hat, und mit dieser Erwartung zu ihm beten:

Komm, Herr, sprich mit mir! Wie auch immer du es anstellst, ich bin ganz Ohr!

Audiobeitrag Und Gott spricht


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