Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.11, Pfarrer Michael Nitzke

Glaube und Wissenschaft

Autor: Wie verträgt sich der Glaube an Gott mit der modernen Naturwissenschaft? Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer.

Mein Name ist Michael Nitzke, ich bin Pfarrer der Evangelischen Philippus-Kirchengemeinde in Dortmund. In der Gemeindearbeit gehört die Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft nicht unbedingt zum täglichen Brot. Trauernden Menschen den Glauben an die ewige Güte Gottes verkündigen und glücklichen Hochzeitspaaren die Liebe als Gottesgeschenk zu beschreiben das gehört zu meinen Aufgaben. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft wird jedoch spätestens dann unumgänglich, wenn eine Mutter Ihren Sohn früher zum Konfirmandenunterricht schicken will. Sie sagt, der Junge verstehe nicht, wie man an Gott glauben kann, wo doch eigentlich wissenschaftlich bewiesen sei, dass es Gott nicht gebe. In solchen Situationen hilft mir ein Satz wie dieser:

O-Ton Ulrich Schnabel: Die Wissenschaft und Religion sind nicht notwendigerweise Gegensätze.

Autor: Das sagt Ulrich Schnabel, er ist Physiker und Wissenschaftsjournalist bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und hat ein Buch veröffentlicht, mit dem Titel: „Die Vermessung des Glaubens. – Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt“. Das, was bei modernen Menschen oft am meisten Widerspruch auslöst sind die Heilungsgeschichten in der Bibel. Wie kann ein Mensch gesund werden, wenn Ärzte ihm nicht mehr helfen können. Wie kann Jesus das so einfach machen? Ulrich Schnabel hat die Bibel genau gelesen.

O-Ton Ulrich Schnabel: Er sagte immer „Dein Glaube hat dir geholfen!“, also er sagte nie, ‚Gott hat Dir geholfen‘, oder ‚ich habe dir geholfen‘, sondern er sagte immer „Dein Glaube hat dir geholfen!, also ein Hinweis darauf, dass sozusagen, die Quelle des Heils in den Personen selbst liegt.

Autor: Das Vertrauen auf die Möglichkeit der Heilung ist also wichtig. „Sie müssen mit an Ihrer Heilung arbeiten“, sagen Ärzte oft, wenn es sehr ernst um einen Menschen steht. Sie wissen, dass Medikamente allein nicht helfen, und manchmal haben sie sogar Erfolg mit Pillen, in denen gar kein Wirkstoff ist. Die Fachwelt nennt das den Placebo-Effekt. Ist es das, was bei den Wundergeschichten in der Bibel passiert ist? Ulrich Schnabel interpretiert das etwas anders:

O-Ton Ulrich Schnabel: Also eher mit dem Stichwort „Erwartungshaltung“, das heißt, dass die geistige Disposition eines Patienten eine ganz wichtige Rolle innerhalb einer Therapie spielt. Also ganz platt gesagt, das, was sich im Kopf eines Patienten abspielt, ist mindestens so entscheidend, wie das, was sich in seinem Körper abspielt.

Autor: Es können tatsächlich Erfolge erzielt werden, die man medizinisch nicht begründen kann. Der Glaube kann also wirklich helfen.

O-Ton Ulrich Schnabel: Das ist ein Wissen, was heute, jetzt erst wieder von der modernen Neuropsychoimmunologie entdeckt wird, das wir also sozusagen selbst unsere eigenen positiven Kräfte durch geeignete Methoden aktivieren können. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den man sowohl in der Medizin, wie auch in der Religion nicht aus den Augen lassen darf, weil er eben dieses normale, materielle Bild von der Wirklichkeit, das wir haben, auf den Kopf stellt.

Autor: Der Glaube ist nach meinem Empfinden das Eingeständnis, dass Menschen nicht alles mit eigener Kraft bewerkstelligen können. Es gibt Situationen im Leben, die ich nicht mit Forschung und Technik bewältigen kann. Und dass ich daran dennoch nicht verzweifle, dabei hilft mir der Glaube an Gott.

Musik CD: Xavier de Maistre, Aranjuez: Concertos and Dances for Harp, LC 00316 -Track 1 - Spanish Dance No. 1 

Autor: Das Vertrauen an die Selbstheilungskraft des Körpers und der Glaube, dass Gott diese Kraft hervorbringen kann, sind das eine, was einen religiösen Menschen ausmacht, das andere ist die Einordnung in ein System von Geboten und Regeln, die auch Auswirkungen auf das Leben haben.

O-Ton Ulrich Schnabel: Natürlich sind auch die religiösen Moralvorschriften, eher dazu angetan, einen gesunden Lebenswandel zu fördern, also, nicht exzessiv zu rauchen oder zu saufen und so weiter, das ist ja nicht nur aus moralischer, religiöser Sicht meistens geboten, das hat ja auch einen ganz praktischen, medizinischen positiven Einfluss auf den Körper. Also insofern kann man da so   ganz pragmatische Gründe heranziehen, warum ne Religion … heilsam sein kann.

Autor: Doch auch der Mensch, der tief und fest glaubt und sich an die Regeln seines Glaubens hält, bliebt nicht von Krankheit und Schicksalsschlägen verschont. Aber es kommt darauf an, wie man mit diesen Situationen umgeht, und das hängt wiederum von der Art und Weise des Glaubens ab.

O-Ton Ulrich Schnabel: Es gibt da ne ganz schöne Studie von Sebastian Murken in Bad Kreuznach, der gezeigt hat, dass Brustkrebspatientinnen, die ein positives Gottesbild haben, die können mit Ihrer Krankheit meist besser umgehen, weil sie sozusagen, das positiv annehmen, und das Gefühl haben, Gott möchte mir damit etwas sagen mit dieser Krankheit, die haben das also konstruktiv interpretiert. Und andere Patientinnen, die aber eher  das Bild eines strengen, strafenden Gottes im Herzen trugen, die haben das natürlich als Strafe interpretiert und haben sich damit zusätzlich Vorwürfe gemacht, … und denen ging es dadurch eigentlich eher schlechter, das heißt Religion ist nie so ein einheitliches Gebilde, sondern es kommt immer sehr stark darauf an, was fürn Glauben man hat und was man für ein Gottesbild hat und wie man … der Welt entgegenblickt.

Autor: Es ist die befreiende Botschaft des Glaubens, die hilft, auch das Schwere als Teil des Lebens anzunehmen. Und nach christlichem Verständnis ist Glauben mehr als nur auf ein gesundes Leben zu hoffen. Der Glaube an Gott weist mich über die irdische, wissenschaftlich erfahrbare Welt hinaus, und bietet mir die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Doch hier kommt die Wissenschaft an ihre Grenze. Das erkennt auch der Wissenschaftsjournalist Schnabel an:

O-Ton Ulrich Schnabel:  Es gibt da dieses schöne Wort von Augustinus, der mal sagte: „Wenn Du verstehst, ist es nicht Gott!“ Also, das was Gott ausmacht, ist eben das, was …  unseren Verstand übersteigt, und deshalb ist auch relativ fruchtlos, sich so verstandesmäßig drüber zu streiten, was ist es denn nun, und was ist es nicht?“

Autor: Auch wenn einem modernen Menschen, der Glaube an ein Jenseits und an das Wirken eines Gottes als weltfremd erscheint, hat sich dieser Glaube dennoch gehalten. In den siebziger Jahren haben Soziologen erwartet, dass sich die Frage nach dem Glauben mit der Zeit überlebt. Doch das ist nicht eingetreten. Der Glaube ist weiterhin lebendig. Und, was wichtig ist, er hat eine positive Auswirkung auf die Menschheit.

O-Ton Ulrich Schnabel: Der Religion ist das bewusst, dass unsere geistige Haltung, ne enorm wichtige Rolle für unser Wohlbefinden, oder für unser ganzes Verhalten gegen über der Welt spielt und die versuchen das durch entsprechende Methoden auf ne positive Weise zu steuern, also uns sozusagen eine positive Haltung gegenüber der Welt nahezubringen, die uns hilft Dinge besser zu bewältigen.

Musik CD: Xavier de Maistre, Aranjuez: Concertos and Dances for Harp, LC 00316 - Track 6 - Preludio: Vivace

Autor: Ein wesentlicher Bereich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Glauben ist die Hirnforschung. Man hat versucht zu erforschen welche Bereiche des Gehirns durch religiöse Handlungen aktiviert werden. Und mit Hilfe dieser Erkenntnis wollte man herausfinden, ob es im menschlichen Gehirn eine organische Voraussetzung für den Glauben gibt. Forscher glaubten schon im Menschen ein Gottes-Gen oder ein Gottesmodul gefunden zu haben. Doch der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel ist da eher skeptisch.

O-Ton Ulrich Schnabel: Eindeutige Ergebnisse liefert die Hirnforschung nicht, außer zu erkennen, das … alles, was wir tun und alles, was wir glauben, ein starke Rückwirkung auf unser Gehirn hat, auf unsern Körper hat, also auf uns selbst. Es ist nicht egal, was Sie glauben, es ist auch nicht egal, was Sie praktizieren, oder wie Sie der Welt gegenübertreten, alles, was Sie tun, hat ne Wirkung. Gerade in unserer doch sehr materiell denkenden Zeit ist es eine interessante Botschaft, festzustellen, das geistige Handlungen eine ganz materielle Wirkung in unserem Körper haben können.

Autor: Zu den älteren und gesicherten Erkenntnissen der Hirnforschung gehört, dass in den beiden verschiedenen Hirnhälften unterschiedliche Prozesse ablaufen. So ist die linke Gehirnhälfte eher für das Praktische oder Materielle zuständig wie die Sprache oder das Verständnis für Zeitabfolgen, die rechte Hirnhälfte lässt uns Freude an der Musik erleben oder lässt uns Metaphern, also sprachliche Bilder ergründen. Der Mensch scheint in zwei Hälften gespalten. Ulrich Schnabel zeigt, wie religiöse Praktiken, dem Menschen zu einer Ganzheitlichkeit verhelfen können.

O-Ton Ulrich Schnabel: Es ist nun so, dass die linke Hirnhälfte mit der rechten Hand verbunden ist und die rechte Hirnhälfte ist mit der linken Hand verbunden, die sind sozusagen auch über Kreuz gesteuert. Und ein ganz einfaches Mittel, die linke und die rechte Hirnhälfte, so ein bisschen in ihrer Aktivierung, die oft sehr unterschiedlich ist, ins Gleichgewicht zu bringen, besteht darin, linke und rechte Hand zusammen zu bringen, wie es eben in diesen typischen Meditations- oder Gebetshaltungen geschieht. Das heißt man kann diese ganz alten Handhaltungen als ne ganz schlichte Bewusstseinstechnik interpretieren, …  völlig abgesehen, von jeder kulturellen und religiösen Erklärung, die dahinter stehen mag, die hat auch ne ganz schlichte physiologische Wirkung. Und das finde ich schon interessant zu sehen, dass hinter diesen alten Ritualen und Traditionen, tatsächlich auch Mechanismen stehen, die sich … auf einer ganz basalen naturwissenschaftlichen Ebene auch erklären lassen.

Autor: Wer die Hände zum Gebet faltet geht in sich und ist auch offen für das, was Gott ihn erfahren lässt. Für diese Zwiesprache mit Gott, die für die seelische Gesundheit so wichtig ist, bleibt in unserer schnelllebigen Zeit jedoch kaum Raum. Die Naturwissenschaft kann uns dabei sogar helfen, solchen Raum zu gewinnen, und sie nimmt sich dabei die Religion als Vorbild:

O-Ton Ulrich Schnabel:  Wir wissen heute, und Neurobiologen sagen uns das auch, dass solche Ruhezeiten für das Gehirn auch enorm wichtig sind, dass wir nicht permanent … aktiv sein können und Dinge verarbeiten können, sondern, dass wir auch Zeit brauchen, geistige Zeit, um das Aufgenommene zu verarbeiten. Und die Religionen, die wussten das schon immer, dass der Mensch auch solche Ruhezeiten braucht, und deshalb kann man auch sagen, dass so diese Gebetszeiten oder Meditationszeiten und die Sonntage ne ganz wichtige Funktion haben für die Menschheit.

Autor: Wissenschaft und Religion sind keine Gegensätze, das hat der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel bei seinen Recherchen zu seinem Buch „Die Vermessung des Glaubens“ erfahren. Doch was bedeutet diese Erkenntnis für sein persönliches Leben?

O-Ton Ulrich Schnabel: Dass es für mich eigentlich noch mal sehr viel wichtiger geworden ist, … zu versuchen, diesen persönlichen Zugang zu dieser Erfahrung zu kriegen, und sich auch darüber klar zu sein, dass das etwas ist, das man nur sehr bedingt in Worten vermitteln kann. Also das, worum es eigentlich geht, können Sie nur in Bildern und Metaphern fassen, die oft für denjenigen, der die Erfahrung nicht hat, manchmal relativ unver-ständlich wirken, aber das muss man in Kauf nehmen.
 
Autor: Schon Jesus hat über den Gauben gern in Bildern gesprochen, das gibt uns heute die Freiheit, diese Bilder so zu deuten, dass sie uns bei der Bewältigung unserer Probleme im Leben helfen. Die Wissenschaft kann uns dabei sogar unterstützen. „Dein Glaube hat Dir geholfen“, hat Jesus gesagt, und Naturwissenschaftler bestreiten nicht, dass der  Glaube wirklich helfen kann. Das Buch von Ulrich Schnabel gibt mir zahlreiche Ansätze auch heute jungen Leuten zu zeigen, dass die alte Welt des Glaubens und die neue Welt der Wissenschaft durch-aus zusammen passen. Sind zwar zunächst ungleiche Geschwister, wie die rechte und die linke Hand. Aber wenn ich beide Hände zusammenbringe, bringe ich die beiden Seiten meines Ichs zusammen, die gefühlsbetonte und die vernunftbetonte Seite. Und wenn ich so eins mit mir bin, dann kann ich mich öffnen für Gott. Und er wird mir im Gebet zeigen, wie ich liebevoll auf die Menschen zugehen kann, und der Welt positiv gegenübertrete. Es grüßt Sie: Pfarrer Michael Nitzke von der Evangelischen Kirche.
 
Musik CD: Xavier de Maistre, Aranjuez: Concertos and Dances for Harp, LC 00316 - Track - 7. No. 1: Melodico 

Audiobeitrag Glaube und Wissenschaft


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