Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.11, Pastor Wolfram Krebs

Im Schlaf

Als ich vor ein paar Monaten meinen Dienst in Ostfriesland begann, hatte sich meine neue Gemeinde große Mühe gegeben.

Sie hatten unser Haus liebevoll renoviert, tüchtig beim Umzug geholfen und uns mit Pferd und Wagen hochherrschaftlich zur Kirche befördert. Da empfingen uns dann die vielen Arbeits- und Gemeindegruppen mit einem bunten Programm. Jede hatte ein Geschenk für uns. Besonders lieb ist mit ein Ruhekissen, auf das die Bibelstelle aufgestickt ist: Psalm 127, Vers 2. Die Stelle kannte ich schon lange.

Sie lautet „... denn seinen Freunden gibt es Gott im Schlaf.“ Schön wäre das ja, aber bei mir hat das nie geklappt. Dabei habe ich bestimmt genug geschlafen. Durch Faulheit an den Segen Gottes gelangen? Eine Art religiöses Schlaraffenland, in dem Nichtstun belohnt wird, wenn nur die Gesinnung stimmt? Seltsam. Mit den Resten meiner reformationsgeprägten Pflichtethik hatte das gar nichts zu tun. Ein in diesen Dingen wesentlich gelehrterer Kollege wies mich neulich darauf hin, dass man dieser Bibelwort auch anders übersetzen kann: „...denn seinen Freunden gibt Gott Schlaf.“

Ob er Recht hat, kann ich nicht beurteilen. Aber so ist das Wort mir wesentlich näher. Wer das Geschenk des Schlafs geringachtet, weiß vom Leben nicht viel. Wenn sich die Gedanken und Sorgen wie ein riesiges Mühlrad im Kopf herumdrehen und dich wach halten, dann weißt du, wie unendlich kostbar ein erholsamer, möglichst traumloser Schlaf ist. Und wenn du am frühesten Morgen, wie gerädert, von genau denselben Gedanken wieder aus dem Schlaf gerissen wirst, dann weißt Du, Schlaf kann man leider nicht machen. Die dumpfe Betäubung der Pillen ist kein Ersatz. Wenn ich an Schlaf denke, dann sehe ich das Bild einer Mutter vor mir, in dessen Armen ein Kind schläft.

Tiefer Frieden, tiefe Geborgenheit, alles das eben, was dem Schlaflose nicht mehr erreichbar ist. „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt Gott Schlaf.“ Der ganze 127. Psalm scheint nur eine einzige Blickrichtung zu kennen: Schau auf Gott, rechne mit seiner Wirklichkeit, seiner Hilfe, hoffe auf seinen Segen. Was mir persönlich den Schlaf raubt, sind fast ausschließlich Dinge, die ich sowieso kaum beeinflussen kann. Aber ich bin ja nicht alleine damit, auch wenn es mir manchmal so vorkommt. Ich habe einen Vater im Himmel, der für mich sorgt. Und manchmal erlebe ich diesen Vater auch sehr mütterlich und die Geborgenheit in ihm wie ein Kind in den Armen seiner Mutter. Da finde ich dann meine Ruhe, meinen Frieden und meinen Schlaf.

Ein friedliches und erholsames Wochenende wünscht Ihnen Ihr Pastor Wolfram Krebs aus Moormerland/Veenhusen.

Audiobeitrag Im Schlaf


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