| |
Mein Lieblingsbild
Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer.Als Pastor muss man seinen Wirkungskreis ja nicht unbedingt auf sein Arbeitszimmer beschränken.
Mit zu dem Spannendsten, das ich überhaupt erlebt habe, gehören die Kontakte zu baptistischen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion. Kaum dass der sogenannte eiserne Vorhang zerrissen war, besuchte uns ein Kirchenchor aus Schachty, eine Partnerstadt meiner damaligen Wirkungsstätte Gelsenkirchen. Die waren auf sehr abenteuerliche Art mit Bussen zu uns gekommen, in die nicht einmal ich mich so ohne weiteres reingesetzt hätte. Jedenfalls habe ich weder vorher, noch nachher einen Reisebus anschieben müssen.
Wir haben als Gemeinde Geld für sie gesammelt und zu ihnen gebracht. Überweisungen waren nicht möglich und einfach ins Flugzeug setzen wollte ich mich auch nicht. Das schien mir nicht angemessen angesichts der Strapazen, die meine Freunde auf sich genommen hatten. Also habe ich zwei alte, aber robuste Diesel organisiert. Und ein paar junge Männer, von denen ich wusste, dass sie nicht gleich anfangen zu weinen, wenn es einmal wirklich ernst wird. Wir waren vollgeladen mit Geschenken und mit etlichen 1000 DM Scheinen versehen, die wir in unseren Gürteln versteckt hatten. Das Problem war nicht der Zoll, sondern die Mafia, die auch damals schon bestens organisiert war.
6000 Kilometer in alten Autos: Das war schon eine besondere Herausforderung. Strapazen ganz anderer Art haben wir dann bei unseren Gastgeber erlebt. Wir wurden bei jedem Besuch bis zum Letzten abgefüttert. Besonders erinnere ich mich an einen Besuch in einem sehr bescheidenen Bauernhof bei Novotscherkask, den wir nur über Schlammwege erreichen konnten. Wir waren alle noch pappensatt von der letzten Essenseinladung, als wir hinkamen. Aber unsere Gastgeber hatten buchstäblich ihren letzten Truthahn für uns geschlachtet und zwei Tage nicht anderes getan, als für uns das Essen zuzubereiten. Uns allen war klar: Hier können wir nicht einfach sagen Danke schön, wir haben schon gegessen. Da mussten wir jetzt durch und wir haben unseren Freunden aufopferungsvoll und tapfer alle Ehre getan. Ein Jahre später traf ich unsere Gastgeberin anlässlich eines weiteren Besuches wieder. Sie hatte ein Bild von mir gemalt. Mit ihren Fingern auf ein Brett. Die Farben hatte sie selbst zubereitet. Meine Frau ist auch auf dem Bild zu sehen. Mit sehr breiten Hüften und umrahmt von riesigen bunten Blumen. Als ihr Bauernhof ein paar Wochen vorher abbrannte, war dieses Bild das einzige, das sie aus den Flammen gerettet hatte. Es hängt in meinem Arbeitszimmer. Es ist bestimmt nicht wertvoll. Aber dieses Bild ist mit Abstand das kostbarste, was ich je besessen habe.
Einen kostbaren Tag mit wertvollen Begegnungen wünscht Ihnen Ihr Pastor Wolfram Krebs aus Moormerland/Veenhusen.
Mein Lieblingsbild
|