Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.09.11, Pastor Wolfram Krebs

Die Spatzen

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer.Seit ein paar Monaten bin ich Pastor einer Baptistengemeinde in Moormerland/Veenhusen.

Das ist ein Dorf am westlichen Rand Ostfrieslands. Meine muntere Gemeinde betreibt eine Kindertagesstätte, die wir „Spatzennest“ genannt haben. Wenn wir mit unseren etwa 80 Spatzen und ihren Eltern und Großeltern gemeinsam Gottesdienst feiern, kann man ein paar Besonderheiten beobachten. Erwachsene Gottesdienstbesucher belegen ja gerne in vornehmer Zurückhaltung die hinteren Plätze in den Kirchen. Sobald unsere Spatzen mit ihren Betreuern eingezogen sind, tummeln die sich sofort in den ersten Reihen, gerne auch zu zweit auf einem Sitz.

Das ist ganz praktisch, denn wir stellen zu diesen Gottesdiensten alle Stühle, die wir auftreiben können und trotzdem müssen noch manche stehen. Ein paar Kleinspatzen kriechen dann auch aufs Podium zur Kanzel, um den alten Pastor von Nahem bei seiner Tätigkeit zu betrachten. Die ist bei diesen Gottesdiensten besonders anspruchsvoll. Ich kenne jedenfalls kaum etwas schwierigeres, als kleinen Kindern, ihren durchaus nicht frommen Verwandten und altgedienten Gottesdienstbesuchern gleichzeitig zu predigen. Da verstehe ich die Jünger Jesu schon. Sie reagieren sehr unwirsch als Eltern ihre Kinder zu Jesus brachten, damit der sie segne. Lästig, laut, stören die Konzentration, die verstehen ja doch nichts: Solche Kommentare kann man auch zweitausend Jahre später noch hören.

Und bestimmt haben die Worte Jesu wie eine kalte Dusche gewirkt: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht.“ Im Evangelium des Markus finden wir auch die Erklärung dazu: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Man muss hier nicht unbedingt eine Aufforderung zur Taufe von Kleinstkindern herauslesen. Aber die Frage beschäftigt mich schon: Wie unterscheiden sich denn Erwachsene von Kindern beim Empfang großer Geschenke? Na ja, ich bin jedenfalls sehr vorsichtig, wenn mir jemand etwas Kostbares verspricht. Und  kleine Geschenke sollen zwar die Freundschaft erhalten, will man dem Volksmund glauben. Aber sie verpflichten ja auch. Welche Gegenleistung wird denn da wohl erwartet? Hab ich das überhaupt verdient?

Ich hab zwar mit meinen eigenen drei Kindern allerlei erlebt, aber ich habe nie zu Weihnachten oder zum Geburtstag beobachtet, dass eines der Kleinen an solche Fragen überhaupt gedacht hätte. Her mit den schönen Dingen, ungetrübte Freude, vielleicht mal ein kritischer Blick, wenn ein Geschwisterkind etwas besonders eindrucksvolles geschenkt bekam. Und abends wurde nicht nur das neue Kuscheltier, sondern gleich auch der neue Gameboy mit ins Bett genommen. Das ist unser Vorbild? Das ungeheure Geschenk des ewigen Lebens einfach so annehmen? Was Jesus Christus für mich getan hat, einfach so für mich gelten lassen? Ich glaube, genau das meint Jesus mit seinen Worten. Verdienen kann man sich hier sowieso nichts und welches Gegengeschenk könnte auch nur annähernd dem entsprechen, was Jesus Christus am Kreuz für mich vollbracht hat? Vertrauensvoll aus Gottes Hand ungeheure Geschenke annehmen: Ich fürchte, darin sind unsere Spatzen deutlich weiter, als der altgediente Pastor, der ihnen predigt.

Einen wunderschönen Tag, den Sie als Geschenk erleben wünscht Ihnen Ihr Pastor Wolfram Krebs aus Moormerland/Veenhusen.

Audiobeitrag Die Spatzen


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