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Wer ist meine Familie?
Und Jesus antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? - Und nun weist er sie so unfreundlich ab und schlägt sie über die Schnauze.
Es ist kein Konfirmand von heute, der so redet, es ist Martin Luther. Der findet drastische Worte zu Jesu Verhalten gegenüber seiner Mutter und seiner Familie. Es ist in der Tat ein rüdes Benehmen. Das Haus ist überfüllt mit allen möglichen Leuten, aber seine nächsten Angehörigen lässt Jesus stehen - draußen vor der Tür. Denkt nicht daran, auch nur ein Wort mit ihnen zu wechseln. Und stellt dann auch noch die freche Frage: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Als sei das nicht klar. Als sei es nicht tief kränkend, so zu fragen. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Keine Spur vom Halten des vierten Gebots.
Die Geschwister sind mitgekommen, um die Mutter zu unterstützen bei der Heimholung des Sohnes. Vier Brüder werden an anderer Stelle erwähnt, auch mehrere Schwestern. Vom Vater, Josef, ist keine Rede mehr. Ist er, der Zimmermann, inzwischen verstorben? Soll der älteste Sohn, Jesus, jetzt an seine Stelle treten? Wir wissen es nicht und können nur spekulieren.
Jedenfalls geht seine Familie auch nicht zimperlich mit Jesus um: Und als es die Seinen hörten, wollten sie ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen. Er ist nicht ganz bei Trost. Das heißt wohl: Schluss jetzt, Jesus; marsch nach Hause!
Hatte er sich nicht immer schon Extravaganzen erlaubt? Der Evangelist Lukas erzählt, wie Jesus schon als Zwölfjähriger tagelang verschwindet. Seine Eltern suchen und suchen ihn, bis sie ihn im Tempel finden - mit den Schriftkundigen tief im Gespräch verwickelt. Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Kind, wie konntest du uns das antun? klagt damals seine Mutter. Dein Vater und ich. Jesus antwortet, indem er zurückfragt: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?
Was meinem Vater gehört? Zwei Väter also. Da ist einmal der Zimmermann aus Nazareth. Aber da ist auch und vor allem der Gott Israels. Jesus ist offenbar nicht nur von seiner irdischen Familie her zu verstehen. Und so lange diese das nicht versteht, wird sie ihn suchen müssen. In seines Vaters Haus muss er sein nicht Menschenmacht verfügt, wohin Jesus gehört. Auch nicht Familienmacht. Ihr entzieht er sich. Entzieht sich dorthin, wohin er von Geburt an gehört: Nahe bei Gott. Er muss sein, wo ihn keiner vermutet.
Doch wer ist der, der Grenzen so überschreitet? Wer ist Jesus? Die Evangelisten erzählen von Anfang an: Er ist der Kyrios, er ist der Herr. Er ist nicht nur Marias Kind, er ist vor allem Gottes Sohn. Seine Wesenszüge sind Gott wie aus dem Gesicht geschnitten.
Jesus Christus, Gott und Herr? Ja! Aber rechtfertigt das sein Verhalten gegenüber seinen nächsten Angehörigen? Warum rüttelt Jesus an den Grundfesten der Familie?
(Musik)
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären wir Zeugen eines tief greifenden Familienkonfliktes in der heiligen Familie. Distanziert sich Jesus von ihr, läuft das auf einen Bruch zu? Stellt Jesus das traditionelle Familienkonzept infrage? Nein! Im Gegenteil. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden, sagt er über die Ehe. Jesus wusste, welchen Absturz ins Bodenlose eine Scheidung für Frauen zu seiner Zeit bedeutete. Familien mussten zusammenhalten. Jedes Mitglied, ob Mann, Frau oder Kind, musste mit anpacken, um das zum Leben Nötige herbeizuschaffen. Gut war es, viele Kinder zu haben. Das sicherte den Lebensunterhalt auch bei Krankheit und im Alter. Jesus schärfte das vierte Gebot geradezu ein (Markus 7,8ff): Du sollst Vater und Mutter ehren... Sie auch dann in Ehren halten, wenn sie alt, krank und gebrechlich sind. Wenn sie gepflegt werden müssen. Familien müssen zusammenhalten von der Wiege bis zur Bahre. So ist es heute noch in vielen Ländern und Kulturen.
Auch hierzulande entdecken wir es langsam wieder: Wir sind elementar aufeinander angewiesen - von Geburt an angewiesen auf ein Netz von Menschen, die uns nähren, begleiten und tragen. Wir lernten laufen, weil andere uns an die Hand nahmen, lernten zu sprechen, weil mit uns gesprochen wurde und zu lieben, weil wir geliebt wurden. Zum Ende unseres Lebens werden wir wieder auf andere angewiesen sein. In Wahrheit aber sind wir es unser Leben lang ob wir es uns eingestehen oder nicht. Gut, wenn wir uns umeinander sorgen und uns gegenseitig stützen.
Solche Sorgearbeit füreinander findet auch heute vor allem in Familien statt. Das Familienbild hat sich verändert, ja. Und es ändert sich weiter. Familie bezeichnet heute eine Vielfalt von Lebens- und Beziehungsformen. Doch sind Familien nach wie vor die Leistungsträger unserer Gesellschaft. Sie halten die Gemeinschaft am Laufen. Familie ist überall da, wo Menschen dauerhaft und Generationen übergreifend füreinander einstehen. Wo sie Verantwortung füreinander übernehmen. Sie managen den Alltag mit seinen schnellen Veränderungen in Beruf und öffentlichem Leben. Sie sorgen für ein Miteinander zwischen den Generationen in einer alternden Gesellschaft. Familien sorgen dafür, dass Kinder den Weg ins Leben finden.
Unser Schwiegersohn hat es uns erst kürzlich vor Augen geführt. Er ist in Elternzeit. Statt seinem Beruf nachzugehen, kümmert er sich nun um seine beiden Töchter, ein und vier Jahre alt. Es macht ihm sichtlich Freude. Aber es beeindruckt ihn auch, welche Anforderungen an den Papa gestellt sind von morgens bis abends. Richtigen Respekt habe er für Alleinerziehende bekommen, die alle Herausforderungen alleine schultern müssen, sagt er.
Gut, wenn Menschen füreinander sorgen. Das stellt auch Jesus nicht in Frage. Im Gegenteil. Er ist selber seinen Angehörigen verbunden geblieben. Und sie ihm. Und wie. Seine Mutter Maria verharrt unter seinem Kreuz bis ans Ende. (Joh 19,25ff) Später gehört sie mit Jesu Brüdern zur Keimzelle der ersten Christengemeinde (Apg 1,14). Sein Bruder Jakobus zählt gar mit Petrus und Johannes zu den Säulen der Jerusalemer Urgemeinde.
Und doch bleibt die Frage: Warum lässt Jesus jetzt seine nächsten Angehörigen draußen stehen? Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Was soll diese Provokation?
(Musik)
Das Haus ist überfüllt mit allen möglichen Leuten, aber seine nächsten Angehörigen lässt Jesus draußen stehen.
Das Volk saß um ihn, schreibt Markus. Mit wenigen Federstrichen umreißt der Evangelist, was Nachfolge ist. Das Volk saß um ihn. Jesus ist der Mittelpunkt. In der Mitte der Christus Gottes. Und wer sitzt da um ihn? Das Volk, das gemeine Volk... Es sind wohl die Menschen, die Jesus an anderer Stelle selig preist: die Armen, die Traurigen, die Besitzlosen, die Leidtragenden, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die nichts vorzuweisen haben und nichts gelten - die aber seinen Ruf gehört haben und ihm gefolgt sind. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken (Mt 11,28)! Sie haben Jesus beim Wort genommen und er hält Wort - würdigt sie als Gottes Ebenbilder. Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Die Welt mag sie verachten und ihnen aus dem Weg gehen, aber Er - der Eine, der von Gott kommt - nennt sie seine Schwestern und Brüder. Denn wer Gottes Willen tut, sagt er, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Wer Gottes Willen tut. Wer seinem Ruf folgt. Wer auf sein Wort baut. Wer sein Leben ganz Christus anvertraut.
Das provozierende, harte Wort Jesu - Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? - ist in Wahrheit sein größtes Liebeswort. Denen, die um ihn saßen, wird heiß und kalt geworden sein, als er auf sie zeigte und sagte: du bist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter. Als er sie würdigt, wie sie noch nie gewürdigt worden sind. Keiner wird ausgegrenzt. Christus ist der sich den Menschen schenkende Herr. Das haben ja offensichtlich auch seine Mutter Maria und seine Geschwister verstanden wenn auch viel später.
Christus ist der sich den Menschen schenkende Herr. Er hat sich auch uns geschenkt, auch uns so gewürdigt. Wann und wo? Als wir getauft wurden. Wir gehören zu Christus. Im Leben und im Sterben. Niemand kann das zurücknehmen oder für ungültig erklären. Noch nicht einmal der Tod wird dazu die Macht haben, wenn er kommt. Wir bleiben mit Christus verbunden, der den Tod überwand. Verbunden in Zeit und Ewigkeit.
Das ist die beste Botschaft der Welt. Wir sollen sie weitergeben an alles Volk und an alle Völker. Tauft sie, hat er gesagt. Aber hierzulande fällt auf, dass manche eine Scheu haben, zur Taufe in die Kirche zu kommen. Wer das ist? Alleinerziehende oder Patchworkfamilien vor allem. Sie können keine Familie vorweisen, die man intakt nennt, und fühlen sich in unserer Kirche nicht willkommen.
Tauft sie! Familienrealität oder knappes Geld darf doch kein Hindernis sein! Nicht in der Kirche Jesu Christi. So hat unsere Kirche in diesem Jahr an vielen Orten zu Tauffesten eingeladen in Parks, an Flüsse und Bäche. Auch hier in Bad Oeynhausen, Porta Westfalica und Vlotho am Weserknie. Gottes Liebe wurde hinausgetragen zu den Menschen, dass sie mit allen Sinnen erfahren: wir gehören zu Christus ohne Wenn und Aber. Und sie haben sich einladen und taufen lassen in großen Scharen. Große Feste wurden gefeiert. Und alle haben gespürt: Christus wirkt eine Gemeinschaft, die nicht wir Menschen herstellen können.
Als Getaufte gehören wir zur familia Christi, zu seiner großen weltumspannenden Familie. Das Evangelium hat von Anfang an alle Grenzen hinter sich gelassen, von Herkunftsfamilie, Kultur, Sprache, Nation oder Hautfarbe. Es verbindet Menschen aus allen Völkern.
Bei einem Besuch einer evangelischen Gemeinde in Palermo auf Sizilien haben wir es vor kurzem im Gottesdienst erlebt. Knapp die Hälfte der gutbürgerlichen Innenstadtgemeinde besteht aus afrikanischen Flüchtlingen. Sie sind über das Mittelmeer gekommen, auf der Suche nach Arbeit und Brot. Und gehören nun zur evangelischen Gemeinde. Als Schwestern und Brüder. Mit den Alteingesessenen haben sie sich geeinigt, im Gottesdienst nur mit zwei Trommeln ihren Gesang zu begleiten statt mit sieben. So geht es zu unter Geschwistern. Es wird auch gerangelt. Die Vorsteherin rief die Gemeinde bei den Abkündigungen dazu auf, für die Afrikaner Arbeit zu besorgen. Und nach dem Gottesdienst gab es für uns alle köstliche afrikanische Spezialitäten bei einem schönen Mahl. Und Jesus sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Das ist die familia Christi. Eine Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, selbst über die des Todes. Wir gehören zur familia Christi, zur Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Gott sei Dank. Amen

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