Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.09.11, Pastor Wolfram Krebs

Die stärkste Macht der Welt

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer. Jahrelang hatten wir uns immer wieder eine etwas größere Tour mit unseren Motorrädern vorgenommen.

Meine Freunde waren beruflich sehr eingespannt. Auch das Leben als Pastor einer Evangelischen Freikirche, damals in Köln, seit einigen Monaten in Veenhusen, einem Dorf in Ostfriesland, ist nicht immer übersichtlich und planbar.

Aber dann hatte es doch mal bei allen gepasst. Wir saßen in einer bescheidenen Herberge zu Tisch, im Norden Spaniens, mitten in der grandiosen Bergwelt der Picos de Europa. Wie üblich dröhnte der Fernseher in der Bar nebenan. Doch etwas war anders, als sonst. Jemand hatte offenbar den Fernseher noch lauter gestellt und immer mehr Gäste standen auf, gingen nach nebenan und blieben dort. Mein Spanisch reicht gerade so für Kleinigkeiten, also bat ich meinen darin kundigeren Freund: „Schau doch mal nach, was da los ist.“ Ein paar Minuten später kam er wieder. „Da brennt so ein Turm in Amerika“, sagte er eher desinteressiert und trank weiter seinen Kaffee. Also schaute ich selbst einmal nach. Als ich den Raum mit dem Fernseher betrat, schlug gerade das zweite Flugzeug in die Türme des World Trade Centers ein. Es war der 11. September 2001, etwa 9.00 Uhr, Ortszeit New - York. Das konnte kein Unfall sein. Kurze Zeit später brachen die beiden Wolkenkratzer in sich zusammen und begruben aberhunderte von Menschen unter sich. Und ich begann zu ahnen, dass die Welt nie mehr so sein würde, wie noch am Abend zuvor.

Musik  Titel: The Church, CD: The road, Soundtrack

Sehr bald wurden die Hintergründe dieses Massenmordes etwas klarer. Und erste Spuren wiesen auch nach Deutschland. Spätestens nachdem die religiöse Motivation der Verbrecher deutlich wurde, war an Urlaub nicht mehr zu denken. Beklommen fuhr ich nach Hause. Alleine lassen wollte ich meine Gemeinde in dieser Lage nicht. Der Gottesdienst am Sonntagmorgen war anders, als sonst. Kein ausgelassenes Begrüßen, kein Lachen. Ist das nun der Beginn eines dritten Weltkriegs? Ist das der Weltuntergang? Droht jetzt der Rachefeldzug einer hochgerüsteten Supermacht gegen den muslimischen Teil der Welt? Manche Älteren hatten die letzten Nächte kaum geschlafen. In ihnen waren die Schreckensbilder wieder nach oben gespült worden, die sich in den Bombennächten ihrer Kindheit eingebrannt hatten. Kommt das jetzt alles wieder? Wird die Welt ein weiteres Mal in einem Chaos von Blut und Tränen Unschuldiger versinken, weil größenwahnsinnige Mörder mit religiöser Attitüde es so wollen? Wir haben wenig gesungen und sehr viel gebetet. In unseren Gemeinden beteiligen sich oft Gottesdienstbesucher am allgemeinen Gebet. Und zwar mit eigenen Worten. Viele beteten für die Opfer der Attentate, andere baten Gott, dass er sich dieser dunklen Welt erbarme. Etliche beteten auch um Weisheit und Besonnenheit für die Machthaber dieser Welt und für die Erhaltung des Friedens. Ein älterer Mann betete: „ Herr schenk uns deinen heiligen Geist, damit wir nicht beginnen zu hassen und bewahre uns vor Gedanken der Rache, damit wir nicht genauso werden, wie diese Mörder.“ Das hat mich besonders berührt.

Musik Titel: Veni Creator Spiritus (Litanie), Taizé, CD Auf dich vertrau ich

Natürlich gab es nicht nur Besonnenes aus Übersee zu hören. Vergeltung, Todesdrohungen, auch das Wort vom „Kreuzzug“ ist gefallen. Aber wer will das den Amerikanern in ihrem Schock verdenken? Amerika hat keine Bombennächte erlebt, keine Vertreibungen, keine Massenerschießungen und Vergewaltigungspogrome durch fremde Mächte. Abertausende junge Amerikaner sind auf den Schlachtfeldern der Welt gestorben, aber die lagen nie in der eigenen Heimat. Das erklärt den Schock und das Entsetzen über die Taten vom 11. September. So etwas kann man doch nicht einfach hinnehmen! Da muss man doch handeln, hart und entschlossen zurückschlagen. Sehr schnell machten weitreichende Vorschläge zur Einschränkung bürgerlicher Freiheiten die Runde. Auch bei uns hier. Da wurde allerlei aus dem Sumpf nach oben gespült. Sprüche von perfider Schlüssigkeit wie: „Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Muslim.“ Das berüchtigte gesunde Volksempfinden erhob nicht nur am Stammtisch wieder sein grässliches Haupt. In ungezählten Interviews wurden berechtigte Solidaritätsbekundungen für das amerikanische Volk geäußert. Und etliches andere war auch zu hören, das man sehr schnell vergessen sollte. Die bemerkenswertesten Worte in den Tagen damals hörte ich ausgerechnet aus dem Mund einer alten Dame aus Israel. Die wurde vor der Kamera nach ihren Empfindungen zu „nine-eleven“ gefragt. Sie antwortete: „Ach wissen Sie, wir leben seit Jahrzehnten mit dieser Gewalt. Einen meiner Söhne habe ich im Jom Kippur Krieg verloren, zwei meiner Enkel bei einem Selbstmordattentat, das eine palästinensische Frau in ihrem Kindergarten verübt hat. Aber ich will nicht, dass der Hass seine Macht über mich gewinnt. Rache und Gegengewalt machen alles nur noch schlimmer.“ Ja, kann man so etwas denn einfach so hinnehmen? Darf man das denn überhaupt und ermuntert man die Mörder nicht zu neuen Untaten, wenn man nicht gegen die Gewalt mit aller Macht vorgeht? Wer redet hier von „einfach so“? Aus dem Mund dieser alten Dame hörte ich große Trauer, Schmerz, und ich bekam eine blasse Ahnung davon, welch ungeheure Kraft zu so einer Haltung nötig ist. Diese Frau hatte sie. Das hat mich sehr bewegt, denn aus sich selbst heraus erträgt so etwas niemand. Woher kommt die ungeheure Kraft, die man braucht, um nicht zurückzuschlagen, nicht selbst in Wut und Verzweiflung zu versinken? Aus politischem Kalkül gewiss nicht und auch nicht aus der historisch belegbaren Logik heraus, dass Gegengewalt nur immer wieder neue Gewalt erzeugt. Da müssen größere Kräfte am Werke sein, die nicht aus dem Repertoire unserer menschlichen Möglichkeiten stammen.

Musik 3 Titel: Veni Creator Spiritus (Litanie), Taizé, CD Auf dich vertrau ich

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dieser Satz aus den Gesetzen des Alten Testamentes klingt in den Ohren vieler wie ein Beleg für archaisches Rachedenken. Dabei ist das ein bedeutender Schritt zur Eindämmung der Rache. Dies Prinzip war die Grundlage für einen finanziellen Ausgleich, der die Regel war. Aus dem Mund eines Lamech aus der Urzeiten des Alten Testamentes tönt noch die Maßlosigkeit seiner Rache: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde, einen Jüngling für meine Beule. 77 mal soll ich gerächt werden.“ Niemand achte das Prinzip gering, einen finanziellen Ausgleich für den Geschädigten zu schaffen. Hier steht nicht mehr der Täter im Fokus, sondern das Opfer. Dieser Grundsatz hat die Blutrache unterbunden, die ganze Landstriche bis in jüngste Zeit entvölkerte und mit unendlichem Leid überzog. Und mit Hass. Ich halte das für einen bedeutenden Schritt der Mäßigung und des Ausgleichs. Aber das ist noch zu wenig. Das führt nicht zu dem Frieden, der unsere Vernunft übersteigt und von dem Paulus im Brief an die Gemeinde in Philippi spricht. Was für einen Ausgleich kann es schon für abertausende zerstörte Leben geben? Ich weiß, dass es hier keine Patentantworten geben kann, sonst wären sie längst gefunden. Denn das, was am 11. September 2001 in einer neuen Form hervortrat, das begleitet die Menschheit seit den Tagen ihrer Entstehung. Gewalt und Gegengewalt, Bluttat und Rache und Hass auf allen Seiten: Das sind ungeheure und immer zerstörerische Mächte. So naiv darf niemand sein: Mit einem Federstrich, mit hehren Absichten allein kommt man da nicht weit. Und jeder, der sich in diese Spirale der Gewalt hineinziehen lässt, kommt darin um. Es ist bestimmt auch ein Unterschied, ob man nur für sich selbst verantwortlich ist, oder die Verantwortung für Millionen Menschen trägt. Aber Leid und Elend, Gewalt und Tod bekämpft man nicht dadurch, dass man die Mittel der Mörder ergreift und sich selbst auf die Ebene von Verbrechern herabziehen lässt. Über diesen Gräbern herrscht kein Frieden, sie werden zu Brutstätten neuer Gewalt und gebären nur neuen tödlichen Hass. Christen, die sich nicht nur aus Tradition so nennen, leben nach anderen Maßstäben, sie dienen einer „höheren Gerechtigkeit“, wie es das Neue Testament einmal ausdrückt. Sie folgen einem nach, der einen ganz anderen Weg gegangen ist. Einen schweren Weg, der Jesus bis ans Kreuz geführt hat. Ob das eine politische Lösung ist, kann ich letztlich nicht beurteilen. Wünschen würde ich es mir, viel Hoffnung habe ich nicht. Aber ich selbst kann diesen anderen Weg gehen. Und nicht nur ich allein. Auch ganze Länder können den Weg gehen, den Jesus Christus seinen Jüngern vorlebt. Vor ein paar Wochen hat ein verrückter Massenmörder dutzende völlig Unschuldige eiskalt und systematisch abgeschlachtet. Ein entsetzliches Verbrechen, das dieser erbärmliche Unmensch auch noch mit verquasten Sprüchlein im Internet zu legitimieren versuchte. Die Größe, mit der das norwegische Volk dieses Unerträgliche getragen hat, die hat viel mehr Kraft, als jedes aufgeregte Rachegeschrei. Da war kein Hass, kein Ruf nach Vergeltung, kein „Kopf ab“ Gejohle. Sondern stille, tiefe Trauer, die gemeinsam getragen wurde. Das ist mehr als Haltung und Würde. Ich erkenne hier den Geist dessen, der noch am Kreuz für seine Peiniger bittet: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Ich möchte Sie mit Worten in diesen Tag geleiten, die aus dem Friedenskapitel der Ordensleute stammen und die seit 1987 gebetet werden:

„Gott, Du bist ein Gott des Lebens, und Du willst, dass wir Menschen in Deiner Schöpfung das Leben in Fülle haben. Wir kommen voller Ängste zu Dir, ratlos und ohnmächtig angesichts der Gewalt um uns und in uns. Wandle uns in der Tiefe unseres Herzens zu Menschen, durch die Dein Friede in unsere Welt getragen wird. Segne mit Deinem Geist der schöpferischen Phantasie und der Geduld alle Menschen, die mit uns auf dem Weg sind zu Deinem Reich des Friedens. Sende Deinen Geist auch in die Herzen derer, die gefangen sind im Netz der Gewalt - gleichgültig, ob als Opfer oder als Täter - und lass uns nie die Suche aufgeben nach dem Gespräch mit ihnen. Denn Du bist uns Vater und Mutter und hast uns in unserem Bruder Jesus vorgelebt, wie wir Gewalt überwinden und Frieden schaffen können. Amen.“ ("Friedenskapitel der Ordensleute" Pfingsten 1986 in Hasselbach)

Ihr Pastor Wolfram Krebs aus Veenhusen im Moormerland

Musik: Titel Shout to the Lord, CD Symphonic Praise, Nationales Rundfunksinfonieorchester der Urkaine,

Audiobeitrag Die stärkste Macht der Welt


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