Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.09.11, Eckhard Bücken

Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit (eg 502)

Autor: Meine Mutter war Organistin. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als kleiner Junge dem Vorspiel der Orgel und diesem Lied zugehört habe.

Vielleicht auch deshalb, weil meine Mutter oben auf der Empore nicht nur die Orgel spielte, sondern  auch mit lauter Stimme das Lied mitsang. Auf diese Weise konnte sie die Gemeinde anleiten und mitreißen, was ihr auch in der Regel gelang. Für mich war damit verbunden dieses „Lob ihn mit Schalle, werteste Christenheit.“ Das war wirklich ein Lobgesang mit lauter Stimme und glaubhaft vorgetragen.

Choral: 1. Strophe: Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! / Lob ihn mit Schalle, werteste Christenheit! / Er läßt dich freundlich zu sich laden; / freue dich, Israel, seiner Gnaden, / freue dich, Israel, seiner Gnaden!

Choral: 2. Strophe: Der Herr regieret über die ganze Welt; / was sich nur rühret, alles zu Fuß ihm fällt; / viel tausend Engel um ihn schweben, / Psalter und Harfe ihm Ehre geben, / Psalter und Harfe ihm Ehre geben.

Sprecherin: Matthäus Apelt, der Sohn eines Sattlers in Neustadt / Oberschlesien, war ab 1613 Lehrer und Kantor in Leobschütz im Regierungsbezirk Breslau. Aus seiner Feder stammt der Choral „Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit“, Apelt ist sowohl dessen Komponist als auch Kirchenlieddichter. Er schuf Motetten, Chöre, geistliche Konzerte und andere Werke. Seine geistlichen Lieder waren vor allem in seiner Zeit sehr bekannt und wurden viel gesungen. 1634 wurde er als Apelles von Löwenstern in den Adelsstand erhoben und gelangte zu großen Ehren.

Autor: „Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit.“ Bei diesem Choral bin ich hin-und hergerissen. Faszinierend finde ich den textlichen Aufbau. Die Strophen 1 und 5 sind bis auf wenige Worte fast identisch und bilden einen festen Rahmen um die anderen 3 Strophen. In den Strophen 1 und 5 sprechen mich besonders drei Wortbereiche an. Da geht es um die Barmherzigkeit Gottes, die „werteste Christenheit“ ist quasi der Adressat und Israel soll sich seiner – nämlich Gottes- Gnade erfreuen. Barmherzigkeit bzw. barmherzig kommt in der Bibel bezogen auf Gott über 50 Mal vor, stammt ab von Erbarmen und meint etwa: Ein Herz für den Unglücklichen haben. Erbarmen, Liebe, Geduld, Gnade sind Attribute von Gott.

Choral: 1. Strophe: Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! / Lob ihn mit Schalle, werteste Christenheit! / Er läßt dich freundlich zu sich laden; / freue dich, Israel, seiner Gnaden, / freue dich, Israel, seiner Gnaden!

Der Dichter und Komponist Matthäus Apelt lebte ja in der Zeit des dreißigjährigen Krieges, der Reformation und Gegenreformation, in der dem Erbarmen wohl besondere Bedeutung zukam. Die Formulierung „werteste Christenheit“ ist einzigartig im evangelischen Gesangbuch. Ein mir bekannter Pfarrer wählte in seinen Predigten als Anrede statt „Liebe Gemeinde“ oft dieses „Werteste“, was man ihm auch so abnahm. Es bedeutet ja nichts anderes als die Hochschätzung der Angesprochenen. Die Zeile: „Freue dich Israel seiner Gnaden“, wird wiederholt, wobei der Schluss gegenüber der vorherigen Zeile mit längeren Notenwerten versehen ist. Aufgefallen ist mir hier besonders die Gleichsetzung von Christenheit mit Israel, der ich mehr als skeptisch gegenüber stehe. Selbst wenn Israel bzw. die Juden den alten Bund verkörpern und die Christen den neuen, fällt es mir nach wie vor schwer, dieses Israel – das auserwählte Volk Gottes – einfach so auf die Christen, auf uns zu übertragen. Das geschieht übrigens in der damaligen Zeit häufig, leider aber auch bis heute. Als ob das Christentum über das Judentum triumphieren könnte und nun selbst das „auserwählte Volk Gottes“ sein würde. Dass Gott allerdings über die ganze Welt regiert, die Engel um ihn sind und ihm mit Psalter und Harfen alle Ehre gebührt, bekennt der Dichter. Musikalisch wird das Loben und Preisen sehr adäquat umgesetzt. Statt Psalter und Harfen intoniert ein hervorragendes Bläserensemble den Choral, der leicht tänzerisch und voller Freude daher kommt. Blasinstrumente und Chorstimmen ergänzen sich auf sehr einfühlsame Weise. In der dritten Strophe folgt dann die Aufforderung an die Heiden – und sicher sind die Juden mit gemeint – sich zur grünen Weide einzustellen. Dieses Bild wird aus Psalm 23 stammen.

Sprecherin: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führt mich zum frischen Wasser. (Psalm 23)

Choral: 3. Strophe: Wohlauf, ihr Heiden, lasset das Trauern sein, / zur grünen Weiden stellet euch willig ein; / da läßt er uns sein Wort verkünden, / machet uns ledig von allen Sünden, / machet uns ledig von allen Sünden.

Autor: Wenn also die Heiden der Aufforderung Gottes gefolgt sind, dann brauchen sie nicht mehr trauern und werden von allen Sünden befreit. Wobei ich auch diese Formulierung nicht ganz nachvollziehen kann. Ob denn tatsächlich gemeint ist, dass die Heiden trauern, weil sie nicht an den christlichen Gott glauben?   

Sprecherin: Seine geistlichen Lieder hat Matthäus Appelles, wie er es selbst beschreibt, zur Ausbreitung göttlicher Ehre und zur Erbauung seiner Kirche verfasst. Das Leid der Menschen während seiner Zeit ist in seinen Texten mit gemeint, wie etwa in dem zweiten Lied von ihm „Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden...", das sich im evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 247 befindet. Über seine Lieder hinaus war Matthäus Appelles auch als Dichter sehr bekannt und wurde im schlesischen Geistesleben sehr geschätzt. Als er mit 54 Jahren an der Gicht starb, schrieben alleine dreißig Dichterkollegen für ihn Abschiedsverse.

Autor: Am gelungensten erscheint mir in diesem Lied die vierte Strophe zu sein. Es mutet geradezu familiär an, wenn Gott uns nach Vaters Weise reichlich und überall sättigt. Hier klingt für mich dann auch die Zeile aus dem Vaterunser an: Unser tägliches Brot gib uns heute. Auch das Sattwerden war ja in Zeiten des Krieges und des Umbruches so nicht jeden Tag selbstverständlich. Und auch heute gibt es Katastrophen, Kriege und Hungersnöte, die die Menschen bedrohen und ängstigen.

Choral: 4. Strophe: Er gibet Speise reichlich und überall, / nach Vaters Weise sättigt er allzumal; / er schaffet frühn und späten Regen, / füllet uns alle mit seinem Segen, / füllet uns alle mit seinem Segen.

Autor: So kann dann die fünfte und letzte Strophe den Gesang umrahmen und zum Abschluss bringen mit dem Lob Gottes, das wir Christen vermehren sollen, mit der Bitte und dem Wunsch, dass uns kein Unfall geschehen möge, und schließlich wie schon am Anfang mit dem Hinweis darauf, dass wir uns freuen dürfen über Gottes Gnade. Und drei Dinge, die genannt wurden, wünsche ich Ihnen, werte Hörerinnen und Hörer, für heute: Dass Sie sattwerden, dass Ihnen nichts passiert, und ganz besonders dass Sie sich freuen.

Choral: 5. Strophe: Drum preis und ehre seine Barmherzigkeit; / sein Lob vermehre, werteste Christenheit! / Uns soll hinfort kein Unfall schaden; / freue dich, Israel, seiner Gnaden, / freue dich, Israel, seiner Gnaden!

Musikinformationen:

Titel:    „Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit“
Melodie:  Matthäus Apelles von Löwenstern 1644
Satz:  Matthias Schlothfeldt
Chor:    Chor und Bläser der Hochschule für Kirchenmusik Herfold
unter der Leitung von: Hildebrand Haake

Audiobeitrag Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit (eg 502)


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