Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.09.11, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

10 Jahre nach "Nine-Eleven"

Die anderen sind wir selbst. Das könnte uns erschreckend klar geworden sein, wenn wir die Attentate von NewYork 2001 und in Oslo vor ein paar Wochen aufeinander beziehen.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Morgen, am 10. Jahrestag, wird es wohl wieder auf dem Bildschirm zu sehen sein: das Zusammenstürzen der beiden Wolkenkratzer des World Trade Center. Die Menschen, die durch dieses Flugzeug-Attentat ums Leben gekommen sind, haben die ganze Welt erschüttert.

Aber die bis heute andauernden Folgen sind nicht weniger dramatisch. Der amerikanische Präsident gab die Parole aus: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Seitdem sind die USA permanent im Krieg. Über 6000 tote Soldaten, 45000 Verwundete, Irak und Afghanistan zerstört, massiv eingeschränkte Bürgerrechte in USA selbst, verwischte Grenzen zwischen Verdächtigen und Unverdächtigen. Islamhaß hat von Amerika aus wie eine Tollwut den ganzen Globus angesteckt.

Dabei darf man doch nicht übersehen, daß der Terror der moslemischen Attentäter sich nicht in erster Linie gegen den Westen richtet. Auf den Märkten von Kabul, Bagdad oder Peshawar, also im eigenen islamischen Umfeld, sind die mörderischen Aktionen die Regel, bei uns nur die Ausnahme. Diese Leute wollen alles wegbomben, was nicht ihrem eigenen Weltbild entspricht. Die Welt muß von den Falschgläubigen gesäubert werden. Die sitzen für sie gewiß auch im materialistischen und sexualisierten Westen, zunächst aber doch sozusagen in der Nachbar-Moschee.

Aber nach dem Massenmord in Oslo zeigt sich: der galoppierende Islamhaß ist zu gleicher Brutalität fähig. Erschreckend! Dasselbe Muster: die eigene Welt von Eindringlingen befreien. Wer keine Angst hat vor angeblich islamischen Eroberungsgelüsten, ist verdächtig. Wer einer kulturellen Vielfalt das Wort redet, einem Miteinander von Rassen und Religionen, der gefährdet den Staat. Und als sinnloses Fanal für solche krude Einbildung müssen 77 zumeist hoffnungsvolle junge Menschen sterben.

Die anderen sind wir immer selbst. Was ich im anderen bekämpfe, wabert auch in mir. Nicht "Wie kann Gott solches Morden zulassen?" ist die entscheidende Frage, sondern: Wie werden Menschen heil von ihrem Drang, mit ihrem eigenen Glauben "auf Teufel komm raus" Recht behalten zu wollen? Auch in der Christenheit hat es das von Anfang an gegeben. Als man sich in der römischen Gemeinde des 1. Jahrhunderts erbittert darüber stritt, ob Christen das Fleisch von heidnischen Opferaltären essen dürften, gab Paulus eine Handlungsanweisung für solche Konflikte: "Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir nun leben oder sterben, wir gehören dem Herrn." Dieses Wort gehört also nicht auf den Friedhof, sondern mitten in die Debatte, die wir zur Zeit führen. Es bedeutet: Mein Rechthabenwollen findet seine Grenze am Rechtbehaltendürfen des anderen. Gottes Wahrheit hält den Streit mit Worten aus. Aber entschieden wird am Schluß durch ihn selbst. Reinen Tisch machen ist nicht unsere Sache.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen aus Saarbrücken Pfarrer Hans Dieter Osenberg.

Audiobeitrag 10 Jahre nach "Nine-Eleven"


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