Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.09.11, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Altern

"Schwangerschaft ist doch keine Krankheit", bekommt man von jungen werdenden Müttern zu hören, die man zu sehr betütteln will. Und Demenz im Alter - wie steht's damit?

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Kürzlich wurde bekannt: die Erforschung der Demenz im Alter ist gescheitert. Ein neues Medikament, von dem man sich viel versprach, blieb bei Alzheimer-Patienten wirkungslos. Es gibt - das ist der gegenwärtige Stand - keine Hoffnung, die 1,3 Millionen Dementen in unserem Land medikamentös zu heilen. Wenn die Prognosen stimmen, daß sich ihre Zahl in den nächsten Jahrzehnten rapide erhöht, eine bestürzende Nachricht.

Aber diese Nachricht wird begleitet von einer, die erst recht zu denken gibt. Weil die entsprechenden Symptome irgendwann bei fast jedem auftreten können, der lange genug lebt, überlegen die Forscher ernsthaft, ob wir es hier gar nicht mit einer Krankheit zu tun haben, sondern einfach mit der unvermeidlichen Folge eines alternden Gehirns.

Wir haben viel erreicht. Menschen, die im Mittelalter kaum älter als 40 Jahre wurden, werden heute immer häufiger 80 oder sogar 100 Jahre alt. Wir können menschliche Organe verpflanzen, künstliche Knie-, Hüft- und Schultergelenke einsetzen und Kopfverletzten ein neues Gesicht geben. Aber nun lehren uns nicht Theologen, sondern Experten aus der Medizin, was wir doch eigentlich aus unseren jüdisch-christlichen Glaubensdokumenten hätten wissen können. Der Psalmist sagt: "Menschen sind wie ein Schlaf am Morgen und wie das Gras, das vergeht. Am Abend welkt es und verdorrt." Das Gehirn verschleißt, das Gedächtnis vertrocknet, Nervenzellen verklumpen oder sterben ab. Nicht das ist die Ausnahme, daß alte Menschen vergeßlich und orientierungslos werden, ihre eigene Persönlichkeit nicht mehr kennen, sondern die Ausnahme wird sein, daß 80- oder 90-Jährige wie auf Adlerschwingen daherkommen. Mit Pillen jedenfalls ist die Altersverwirrtheit nicht aufzuhalten. Und sicher werden wir auch überlegen müssen, ob wir wirklich jenen, die bereits darunter leiden, mit Chemie diese Jahre verlängern sollen.

Alters-Demenz keine Krankheit, sondern ein Gehirn, das sich verabschiedet wie der ganze Mensch. Ich finde, diese medizinische Erkenntnis muß für unsere Gesellschaft Folgen haben. Menschen mit Altersverwirrtheit gering schätzen, über sie Witze machen, lachen - das muß genau so undenkbar sein wie man es auch bei einer alten Dame mit Rollator nicht tut. Wir werden auch nicht mehr auf Dauer demente Alte von Jüngeren separieren dürfen, sie zu Opfern der Versorgung durch Altenheime und dienstbare Osteuropäerinnen machen können. In einer immer älter werdenden Gesellschaft muß es eine neue Solidarität der Generationen geben.

Im 90.Psalm wird gebetet: "Unser Leben währet siebzig Jahre / und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre. Unsere Tage zu zählen, lehre uns, / damit wir ein weises Herz gewinnen. / Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, / so werden wir jubeln und uns freuen alle unsere Tage."

Daß Sie sich über diesen Tag freuen können, wünscht Ihnen Hans Dieter Osenberg, Pfarrer aus Saarbrücken.

Audiobeitrag Altern


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen