Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.09.11, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Spenden

Herz, Nieren, Lunge, Leber - muß Gott alles von mir beisammen haben, wenn er mir neues, ewiges Leben schenkt? Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer.

Entschuldigen Sie bitte, wenn die Frage Sie etwas überfallen hat, aber sie muß wohl mal erörtert werden. Der medizinische Fortschritt hat es möglich gemacht. Ein Mensch kann mit einem seiner Organe einem anderen zum Leben helfen, zum Überleben. Frank Walter Steinmeier, der Fraktionsvorsitzende der SPD, konnte es vor einiger Zeit sogar zu Lebzeiten tun. Er spendete seiner Frau eine seiner beiden Nieren. Bei einer Niere geht das. Aber die meisten Organe können natürlich nur nach erfolgtem Tod entnommen und übertragen werden. Eine transplantierte Leber oder sogar ein Herz - das sind schon lange keine Ausnahmen mehr.

Aber die Transplantationsmedizin beklagt sich sehr. Es sind viel zu wenig Menschen bereit, Organe zu spenden und das auch beizeiten vor dem eigenen Tod zu verfügen, damit Angehörige mit einer entsprechenden Anfrage nicht überfordert sind. In Deutschland sterben durchschnittlich drei Menschen pro Tag, weil sie nicht rechtzeitig ein Spendeorgan erhalten konnten.

Es nützt offenbar nichts, zu argumentieren: weil ich gegebenen¬falls selbst über ein mir gespendetes Organ froh wäre, müßte ich doch auch bereit sein, für jemanden eines herzugeben. Könnte diese Hemmung auch etwas mit dem Glauben zu tun haben?

Ich bin ich, denkt man. Alle meine Organe gehören doch ursprunghaft zu mir. "Ich danke dir dafür", betet der Psalmist zu Gott, "daß ich wunderbar gemacht bin." Zwar weiß ich wohl, mein Leib verwelkt wie eine Blume. Aber ich kann mir so schwer vorstellen, daß Gott für die Zukunft, die er mir versprochen hat, diesen Leib nicht mehr benötigt. Die Augen, mit denen ich gesehen habe, das Herz, das nur mir geschlagen hat.

Meistens hinken die Gesetze der Realität hinterher. Im Fall der Organtransplantation scheint es umgekehrt zu sein. Die medizinische Technik und gesetzliche Regelungen in ihrem Gefolge eilen dem Empfinden der Menschen voraus.

Christen können in dieser Situation nichts anderes tun, als sich gegenseitig daran zu erinnern, was Gott ihnen für die Neuschöpfung versprochen hat. Nur ein einziges Wort sei herausgegriffen: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden."

Die neue Schöpfung beginnt also immer schon hier und jetzt, in meinem gegenwärtigen Leben. Mit dem Ja, das ich zu Jesus von Nazareth spreche und zu dem, was er für mich getan hat. Außer diesem Ja des Menschen braucht Gott für seine Zukunft nach dem Tod rein gar nichts. Keine Augen und Ohren, kein Herz, keine Nieren, keinen Leichnam, keine Asche. Altes vergeht, Neues entsteht. Dieser Prozeß beginnt schon unter der Predigt von Gottes Wort. Der Tod hält ihn nicht auf.

"Ich danke dir, daß ich wunderbar gemacht bin" - um nochmal an den Psalmisten zu erinnern. Aber dieses Wunder könnte sich doch auch vergrößern. Der eigene Leib, nicht nur Gabe für den einen, sondern auch Überlebensgabe für einen anderen, eine andere.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Hans Dieter Osenberg, Pfarrer aus Saarbrücken.

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