| |
Verschwenden
Für den christlichen Glauben gilt: Lieber verschwenden, als knauserig sein. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.
Ist das ein zeitgemäßes Motto für eine Kirche, die schrumpft? Jeder merkt es doch. Kirchengebäude werden verkauft, Pfarrstellen eingefroren, Kindergärten geschlossen. Denn niemand kann mehr ausgeben, als er einnimmt. Und sicher müssen auch alle lernen, bescheidener zu leben.
Schon alles recht. Aber gerade hier droht eine fatale Verwechselung. Haushaltspläne und Glaube - das sind zwei verschiedene Paar Stiefel.
Glaube lebt vom Überfluß, vom Verausgaben, von impulsiver Dankbarkeit. Das ist überhaupt das Markenzeichen des Reiches Gottes. Jesu Bilderreden und seine Wunder sprechen da Bände. Der Landmann wirft seinen Samen üppig aus, ohne Rücksicht auf Erdkrume. Steine oder Gestrüpp. Der Vater kleidet den heimgekehrten, zerlumpten Sohn fürstlich ein, schlachtet ein Kalb, gibt ein Fest. Auf der Hochzeit zu Kana werden sage und schreibe 600 Liter Wasser zu Wein. Am eindruckvollsten: die unbekannte Frau in Bethanien. Sie massiert Jesus mit einem Luxusöl von 300 Dinaren, dem Jahresverdienst eines Arbeiters. Jesus gefällt das, er lobt sie. Seine Begleiter dagegen rechnen vor, wieviel Bedürftige man damit hätte versorgen können.
Glaube - das ist verschwenderische Liebe, die kein Limit kennt. Glaube rechnet nicht. Wenn die Buchhalter von Bethanien dagegen heute das Sagen hätten - na, ich weiß nicht. Dann versammelten wir uns vielleicht nur in schmucklosen Mehrzweckräumen. Dann bestünde die Kirche nur aus Altenheimen, Eine-Welt-Läden und Wä¬mestuben für Obdachlose. Dann käme Glockengeläut von Disketten und tüchtige Kirchenmusiker würden Leiharbeiter auf Zeit. Dann würden Kirchenheizungen abgestellt und Beratungsfirmen berechneten, ob der pastorale Aufwand im rechten Verhältnis zum Gottesdienstbesuch steht. Wenn die Protestierer von Bethanien sich heute breit machen - und manchmal hört man sie ja vor der Türe tuscheln - dann wird die Kirche fanatisch und freudlos.
Kirchliche Haushaltführung soll sparsam sein. Aber sich dankbar und verschwenderisch hingeben, das erntet Jesu Lob. Das darf auch kosten. Es darf sich materialisieren, setzt Energie und Kreativität frei. Wie in den hohen Domen des Mittelalters und in den Basiliken des Barock. Wie im Einfallsreichtum der Architekten bei modernen Synagogen. Wie in den Farben, die Marc Chagall oder Georg Meistermann verschwendeten. Wie in den Tönen, in denen Johann Sebastian Bach oder Olivier Messiaen schwelgten. Und Woche für Woche tun es Unzählige, die beten, loben, ihre Kerzen anzünden, in Chören singen - ohne zu fragen, ob sich das rechnet. Und manchmal, ganz selten, bringen Kerzen und Gebete der überschwäng¬lich Glaubenden sogar Diktaturen zum Einsturz, wie 1989 in Leipzig oder dieses Jahr auf dem Tahrir-Platz in Kairo.
Nein, christlicher Glaube kann nicht sparen. Er braucht zweckfreies Spiel und kühne Träume. Eigentlich ist die ganze Kirche ein verschwenderischer Luxus, den Gott sich in dieser Welt leistet.
Daß dieser Tag mit Gutem für Sie nicht spart, wünscht Ihnen Hans Dieter Osenberg, Pfarrer aus Saarbrücken.
Verschwenden
|