| |
Tanzen ist mehr, als mit seinem Körper beten...
Sprecher:Tanzen ist mehr, als mit seinem Körper beten
Ich möchte die Kirche mit dem Tanzen versöhnen. Der Tanz ist kontemplative und liturgische Handlung.
Und ebenfalls eine apostolische, denn er wendet sich an die Welt. Zweifellos mehr als jede andere Kunst ist das Tanzen Trägerin der frohen Botschaft vom Reich Gottes, das in uns und unter uns gegenwärtig ist.
Diese Sätze stammen aus dem Buch einer Ordensfrau. Sie war Prima Ballerina der Opéra de Paris. Mit 28 Jahren gibt sie ihre Karriere auf, um in einen Orden einzutreten. Als sie 40 wird, beginnt sie, mit Billigung ihres Ordens, wieder zu tanzen. So wollte sie ihrer Berufung, Gott zu loben und zu verkündigen, besser nachkommen.
Tanzen ist mehr, als mit seinem Körper beten
Ich möchte die Kirche mit dem Tanzen versöhnen.
Diese Sätze der französischen Ordensfrau werden für manche Christen noch immer mehr Ärgernis denn Herausforderung sein, über das Tanzen als einer Äußerung des Glaubens weiter nachzudenken. Aber eben das möchte ich jetzt mit Ihnen tun, liebe Hörerinnen und Hörer. Ihnen wünsche ich einen guten Morgen. Ich bin Doris Damke Oberkirchenrätin aus Bielefeld und Mitglied der Leitung der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Ich bin mit Singen und Musik aufgewachsen. Nein, meine Eltern waren keine Berufsmusiker. Mein Vater war wie mein Opa Bergmann. Aber beide sagen im Gesangverein. Außerdem spielte mein Vater Waldhorn. Nicht nur in der Bergkapelle, auch auf vielen Erntefesten. Schon im Kinderwagen wurde ich dazu mitgenommen. Und als ich dann alleine laufen konnte, da fing ich an zu tanzen, wenn die Musik aufspielte,. Das war einfach so.
Als Ausdruck von Lebenslust, Freude an körperlicher Bewegung und auch der Aufnahme von sozialen Kontakten. Drehte ich mich zuerst alleine im Festzelt zu der Musik, dann war schnell ein Erwachsener da, der mich an die Hand fasste und sich mit mir im Takt der Musik bewegte. Bis heute tanze ich gern. Ganz unprofessionell. Denn über Tanzschulfertigkeiten habe ich es nie hinaus gebracht.
Und dann gibt es da noch die Erinnerungen an meinen Kindergottesdienst und die schönen Lieder von Paul Gerhardt, die ich mitzusingen lernte:
Musik: EG 449,1 Die güldne Sonne
Mein Haupt und Glieder, die lagen danieder, aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Im schönsten Walzerrhythmus ist dieses Morgengedicht vertont. Da war es mir schon als Kind unverständlich, dieses Lied nur im Sitzen zu singen. Wenigstens die Zehen mussten doch mitwippen, auch wenn das Aufstehen und Tanzen in der Kirche - das wusste ich - nicht schicklich war. Ich könnte noch manch andere Lieder unseres Gesangbuchs nennen, denen der Glaube Sprache und Töne verlieh und die mich nur schwer auf der Kirchenbank gehalten haben. Vielleicht kennen Sie ja auch solche und wissen, was ich meine.
Dem großen Kirchenvater Augustin, von dem auch Martin Luther vieles abgeschaut hat, wird das Wort zugeschrieben: Mensch, tanze, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen. Aber das hat sich in den Kirchen lange Zeit nicht recht durchsetzen können.
Obwohl in der gesamten abendländischen Geschichte der Kirche der geistliche Tanz existierte, blieb er ihr auch irgendwie suspekt. Das lag nicht zuletzt daran, dass ketzerische und sektiererische Randgruppen oftmals den Kulttanz übten, der in heidnischen Ursprüngen gründete, und diesen in den Dienst ihrer Verkündigung stellten. Außerdem wurde die Sinnenfreude, die dem Tanzen innewohnt, oftmals nicht ohne Grund der Zügellosigkeit verdächtigt, so dass sich im Mittelalter sogar Synoden sich damit beschäftigten und per Konzilsbeschluss, die Tänze der Frauen an geweihten Orten verboten wurden, weil diese zu Missständen führten.
Und schließlich ist ja in der Heiligen Schrift selbst nicht sehr oft vom Tanz die Rede. Was den meisten zum Stichwort Tanz und Bibel einfällt sind auch wohl eher die negativen Tanzgeschichten, die in ihr erzählt werden:
Das Volk Israel tanzt um das Goldene Kalb. Einen Götzen, den es sich selbst geschaffen hat. Wahrlich keine Ruhmesgeschichte. Erzählt wird sie im Alten Testament, im 2. Buch Mose. Tanz ist hier verbunden mit Abfall und Glaubensverrat und bekommt mit dieser Episode einen ganz verwerflichen Beigeschmack für den kundigen Bibelleser.
Und dann erzählt das Neue Testament von dem Tanz der Salome, der schönen Stieftochter, vor Herodes. Dieser Tanz sollte Johannes dem Täufer seinen Kopf kosten. Grausig nachzulesen bei den Evangelisten Markus und Matthäus. Auch das hat die kirchliche Reserviertheit gegenüber dem Tanz maßgeblich mit geprägt. Dahinter verblassen andere Bibelpasssagen, die durchaus positiv vom Tanzen sprechen.
Es als eine Form des Bekennens deuten, als bewegendes Gebet und bewegter Dank und als Ausdruck des Glaubens an den rettenden, gnädigen, Leben schaffenden und erhaltenden Gott. Darum tanzt Mirjam, die Schwester des Mose, nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. (Ex. 15,20) Mirjam singt. Ihre Hände schlagen das Tamburin, ihre Füße setzen sich in Bewegung, ihr ganzer Körper wird erfasst von dem Glücksgefühl, aus Unterdrückung und Tod befreit zu sein. Sie ist Gott dankbar und lässt dies mit ihrer ganzen Existenz spüren. Ähnlich König David. Er und ganz Israel tanzen bei der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem (2. Sam 6, 5.14-16) ihren Tanz vor dem Herrn. Und der fromme David bekennt: Vor dem Herrn will ich springen und will tanzen vor dem Herrn.
Musik: EG 577 Kommt herbei, singt dem Herrn
Im Zeugnis der Bibel des Volkes Israel finden sich viele Hinweise darauf, dass die Freude an Gott und der Ausdruck des Glaubens sich in einem großen Reichtum an Gesten, in Lied und Musik lebendig und kommunikativ zeigen. Selbst wenn das Wort Tanzen nicht vorkommt, gibt es doch eine Vielzahl von Ausdrücken, die deutlich machen, dass der Körper in Bewegung gebracht wird, wenn es um das Gotteslob geht. Ganz besonders erfahren wir das in den Psalmen:
Sprecher: Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude gegürtet. Sie sollen loben seinen Namen im Reigen, mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen. Und sie singen beim Reigen: Alle meine Quellen sind in dir!
Ja, liebe Hörerinnen und Hörer, der Glaube findet auch seinen Ausdruck, indem er tanzt. Das Bedürfnis, in körperliche Bewegung umzusetzen, was das Herz erfüllt und dem Glauben Ausdruck zu geben, kann sich auch so zeigen. Nicht nur im Händefalten, Niederknien, Singen und Musik machen, sondern auch im Tanzen. Ich finde es schön, dass es im Neuen Testament eine Geschichte gibt, die viele kennen. Die Wenigsten bringen sie aber mit dem Tanzen zusammen. Jesus erzählt die Beispielgeschichte vom verlorenen Sohn. Als der nach vielen Irrungen und Wirrungen heimkehrt zu seinem Vater, lässt dieser ein Fest ausrichten. Mit Singen und Tanzen. Der Vater der Geschichte Jesu, Gott, er hat in seiner Freude über den, der zu ihm zurückgefunden hat, aufspielen und tanzen lassen. So Gott ungefällig kann das Tanzen als Ausdruck des Lebens, der Freude und des Glaubens also nicht sein.
Musik ( Instrumental von In dir ist Freude)
Tanz kann gestaltete Bewegung im Glauben sein. Ihn für das geistliche Leben und den Gottesdienst fruchtbar machen. Das aber bleibt nach wie vor eine Herausforderung. Denn der evangelische Gottesdienst steht unter dem gängigen Muster: Reden und Hören. Daher gibt es in ihm so etwas wie einen gestischen Analphabetismus. Und doch können Tanzen und Glauben zusammengebracht werden. Denn auch über die rhythmische Bewegung des Tanzes kann gewissermaßen Körper-Kontakt mit Glaubenszeugnissen aufgenommen werden. Der Tanz kann als eine Form des Betens, des Dankens, des Gotteslobs entdeckt werden. Das hat unsere Kirche in dem letzten Jahrzehnt im wahrsten Sinne des Wortes bewegt und es hat die sitzende Gottesdiensttradition unserer Kirche an manchen Stellen verändert. Im Sonntagsgottesdienst, bei Gemeindefesten, vor allem auch durch die kulturellen Veranstaltungen der City- und Stadtkirchenarbeit. Mit ihnen sollen Menschen angesprochen und vom Evangelium erreicht werden, die bisher noch keinen Platz in der Gemeinde für sich gefunden haben.
Musik
Der Kirchenvater Ambrosius bezeichnet den Tanz als Gefährten des Glaubens und als Gespiele der Gnade. Denn Gott soll mit allen Sinnen und allen Ausdruckmöglichkeiten des Menschen gefeiert und verherrlicht werden. Ob das gelingt? Im Tanz ist der Glaube in Bewegung. Er kann Leben, Veränderung und Neuwerden ausdrücken. Denn das biblische Menschenbild sagt ja zu uns in unserer Leiblichkeit. Nicht nur, weil uns Gott so geschaffen hat, sondern auch, weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist.
Im Tanze kann zum Ausdruck kommen, was mich im Tiefsten bewegt, woran ich mein Herz hänge und wer mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist. Tanzen kann dann zu einem Ausdruck des Glaubens werden. Bei uns in Europa ist das noch nicht so selbstverständlich. Wenn wir unsere Partnerkirchen in der weltweiten Ökumene besuchen, nehmen wir das viel selbstverständlicher. Dann kehren wir zurück und berichten beeindruckt von den lebendigen Gottesdiensten, in denen die eingesammelte Kollekte 20 Minuten singend und tanzend von Jungen und Alten zum Altar getragen wird. Warum ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dies heute alles erzähle?
Weil ich glaube, dass unser Glaube ganz vielfältige Ausdrucksformen braucht und auch vertragen kann, um Gott zu danken und zu loben. Dem Gott, der uns das Leben schenkt, und der es erhält jetzt und in Ewigkeit. Dafür die Hände zu falten, das ist das Eine. Sich dafür in Bewegung bringen zu lassen, das Andere. Und warum sollte das Tanzen nicht auch dazu gehören?
Ich wünsche Ihnen einen schönen, gesegneten vielleicht auch bewegenden Sonntag und grüße Sie herzlich aus Bielefeld. Ihre Doris Damke.
Musik
Tanzen ist mehr, als mit seinem Körper beten...
|