| |
Ein tierischer Lebensretter
Eine Sau hat meinem Vater das Leben gerettet. Wir hatten eine Metzgerei. Eines Tages kam mein Vater früher als sonst vom Schlachthof zurück.
Er war blass um die Nase und erzählte, dass ihm gerade eine Sau das Leben gerettet habe. Bei dem Versuch das Schwein mit der Elektrozange zu betäuben, war diese abgerutscht und hatte ihn erwischt. Als er bewusstlos da lag, trottete das rosa Tier zu ihm hin und stupste das unter Strom stehende Betäubungsgerät von ihm weg. Als er erwachte, lag die Sau bewusstlos neben ihm. Wir Kinder fragten aufgeregt, wo das tolle Retter-Schwein nun sei. Na geschlachtet, antwortete mein Vater.
Ich habe mich nie an die toten Tiere, die an Fleischerhaken von der Decke der Wurstküche baumelten, gewöhnen können, aber dieses Erlebnis lässt mich bis heute nicht los. Unser Umgang mit Tieren ist in vielerlei Hinsicht in die Diskussion geraten. Überall auf der Welt wird Alarm geschlagen: Tierversuche, Massentierhaltung, Gen- und Zuchtexperimente, Robbenjagd, Überfischung, das und viele Vergehen mehr sollten uns aufrütteln. Von Fleisch wissen wir längst, dass wir viel weniger davon essen sollten. Vor allem müssten wir ganz auf Schweinefleisch verzichten, das aus einer industriellen Massentierhaltung stammt. Dort gibt es so viel Leid. Die Großschlachthöfe bedeuten Panik und Schmerz; die Tiertransporte quer durch Europa sind pure Quälerei, die Thunfischjagd ist eine einzige Metzelei. Tja, so zwiespältig sind wir: Auf der einen Seite pflegen wir einzelne, wunderbare Freundschaften zu Hund und Pferd; auf der anderen Seite behandeln wir sie als nackte Verbrauchssache.
Wir beherrschen die Natur und können uns kaum bremsen, wenn wir eine Chance sehen, Vorteile zu ergattern. Der Sinn für Kosten und Nutzen ist in uns so stark entwickelt, dass preisbewusst einkaufen heute als Tugend gilt und kostengünstig Tiere schlachtreif zu machen dann natürlich auch. Als Verbraucher fragen wir kaum nach Produktionsbedingungen. Und wissen wir sie, verdrängen wir dies Wissen und kaufen doch die Putensalami, deren Herkunft uns mehr als unruhig machen sollte. Nun bekommen wir die ersten dramatischen Ausläufer dieses Handelns. Eine große Gefahr rückt näher, weil wir die Natur über Jahrzehnte zum bloßen Ausbeutungsgegenstand herabgewürdigt haben.
Was wäre, wenn die Tiere über uns zu Gericht sitzen könnten und uns dann dafür belangen, was wir ihnen an Qualen zugefügt haben. Die altägyptische Ethik räumt dem Tier das Recht ein, den Menschen zu verklagen. Ganze Weltalter voll Liebe werden nötig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten. , schrieb Elias Canetti.
Dennoch: Wir haben eine Chance. Wir empfinden die Schönheit, die Fremdheit wie die Nähe zu den Tieren als besonders und wertvoll. Und was uns wertvoll ist, das pflegen und schonen wir. Israel hat auch dem Vieh die Sabbatruhe gegönnt und wusste: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs (Spr. 12, 10). Wir müssen lernen nein zu sagen zu den Genüssen, die mit Schmerzen erkauft sind. Tierschutz darf nicht mehr als Hobby einiger leidenschaftlicher Tierliebhaber gesehen werden, sondern zu einer selbstverständlichen Aufgabe für jeden werden. Das Stöhnen aller Lebewesen zu verhindern gebietet nicht nur die Bibel, sondern schon der gesunde Menschenverstand. Vielleicht finden wir noch hin zu einem angemessenen Umgang mit den tierischen Mitgeschöpfen und beachten das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten! oder positiv formuliert: Hab Ehrfurcht vor dem tierischen Leben!
Ein tierischer Lebensretter
|