Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.08.11, Maike Siebold

Rest-Risiko Leben

Wir haben viel Ähnlichkeit mit den Bewohnern dieses kleinen gallischen Dorfes. Die Freunde von Asterix und Obelix hatten vor nichts und niemandem Angst,

zumindest nicht vor realistischen Dingen wie vor der Bedrohung durch die Römer. Ihre einzige Sorge war es, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Wir haben mehr Angst vor Dingen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geschehen werden, als vor denen, die relativ wahrscheinlich sind.

Der Unterschied zwischen den Galliern und uns besteht darin, dass wir immer wieder Dinge erleben, die aus heiterem Himmel über uns hereinstürzen, mit denen niemand gerechnet hat bzw. rechnen konnte: vergiftetes Essen, Terroranschläge, Naturkatastrophen, die Schweinegrippe oder der EHEG Erreger. Bei vielen Katastrophen sprechen die Wissenschaftlicher von dem sogenannten Restrisiko. Sie verstehen darunter eine Gefahr, die zwar theoretisch möglich, aber extrem unwahrscheinlich ist. Wenn z.B. erst ein Erdbeben in einer Stärke auftritt, die zuvor noch nie gemessen wurde, sich dann ein Tsunami anschließt und am Ende der Katastrophenkette ausgefeilte Sicherungssysteme in einem Atomkraftwerk ausfallen, also wie in Fukushima.

Es ist immer das Unvorstellbare gewesen, was der Menschheit große Probleme bereitet hat und auf das, was unvorstellbar ist, kann man sich eben nicht vorbereiten. Um diesem hilflosen Ausgeliefert sein, etwas entgegen zu setzen, versuchen wir im Alltag möglichst jedes andere Risiko zu minimieren. Immer mehr versichern wir uns gegen Krankheiten, Unfall, Diebstahl, Sachbeschädigung und möglichst alle anderen Gefahren.

Außerdem ist unser Alltag gespickt mit Schutzmaßnahmen und Regeln: Mutterschutz, Sonnenschutz, Katastrophenschutz, Virenschutz, Umweltschutz, Klimaschutz, Verbraucherschutz, Personenschutz, Lärmschutz, Nicht-Raucherschutz… Ich könnte ewig so weitermachen. Manchmal treiben wir es auch auf die Spitze wenn z.B. eine Partei den Bürgern Schutz vor Grillfesten verspricht oder Eltern sich nicht trauen, ihre Kinder vor dem dritten Schuljahr alleine zur Schule gehen zu lassen. Und das, obwohl das Risiko, überfahren, überfallen oder ermordet zu werden, seit Jahren konstant oder sogar rückläufig ist.

Was hilft gegen dieses leicht paranoide Verhalten? Risikoversicherungen reichen nicht als Gegenmittel. Wir wollen etwas Handfestes zum Trösten haben. „Dein Stecken und Stab trösten mich“. Das kann ein Ring am Finger oder ein Foto oder ein Glücksbringer am Rückspiegel sein. Kleine Andenken an etwas Gelungenes bewahren wir gerne auf, sie behüten uns auch das nächste Mal. Natürlich nicht wirklich. Aber all die Glücksbringer und Schutzzeichen sind Hinweise auf eine Schutzmacht außerhalb unseres Vermögens. Der Rosenkranz bis zur Sternen-Konstellation gibt uns Zuversicht und soll eine Verbindung herstellen zum Vater aller Dinge. Solange uns diese Dinge nicht gefangen nehmen, kann man sie mit Augenzwinkern benutzen. Doch das einzige, was uns bei Angst wirklich „über Wasser hält“ ist das Vertrauen, dass Dietrich Bonhoeffer für sich so formuliert hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.

Audiobeitrag Rest-Risiko Leben


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