| |
Reise zur Erde
Liebe Hörerin, lieber Hörer, mein reisefreudiger Nachbar hat sich rar gemacht. Schon seit längerer Zeit hab ich ihn nicht gesehen,
bis wir uns zu fällig vor seinem Haus treffen. Nein, er war wohl nicht auf weiter Reise unterwegs. So sieht er zumindest nicht aus. Eher, na ja, sagen wir, nachlässig gekleidet. Sogar ein wenig schmutzig. Nicht nur die Schuhe, auch seine Jeans. Das kenne ich bei ihm eigentlich nicht. Ich muss gar nichts sagen, er sieht schon an meinem fragenden Blick, dass mir das recht ungewohnt vorkommt. Von einer Reise kommen Sie wohl nicht zurück?
Nein, nein, meint er, ich war nicht unterwegs. Oder vielleicht doch, aber anders als sonst, fügt er dann nachdenklich hinzu. Mein Blick wird noch fragender und er lächelt. Dann erzählt er mir, sein Onkel, nicht weit entfernt wohnend, sei kürzlich gestorben. Die Tante lebt nun allein im Haus. Das schafft sie auch noch recht gut. Natürlich, erst die Krankheit des Mannes, dann der Tod und der Abschied, das alles hat ihr zugesetzt. Aber sie ist tapfer und möchte in ihrem Haus wohnen bleiben, solange es geht. Wir besuchen sie, laden sie ein, aber ich habe nun noch etwas übernommen, worum mein Onkel mich gebeten hatte.
Und das ist?
Ich pflege den Garten. Hab ich seit meinen jungen Jahren eigentlich nie mehr gemacht. Aber Sie werden´s nicht glauben: Es macht mir Spaß. Ich weiß gar nicht, wie viel Stunden ich in den letzten Wochen dort schon zugebracht habe. Ich entdecke sozusagen eine neue Welt. Das ist wie eine Abenteuerreise. Nicht ins Blaue und Ungewisse, aber doch voller Überraschungen. Klar, manches im Garten ist auch nur mühsames Arbeiten. Rasen mähen ist stupide. Aber wenn man dann die Blumen beobachtet oder die Sträucher, wie herrlich sie wachsen und blühen und duften, schön ist das! Ich weiß noch gar nicht, wie das alles gepflegt werden muss. Aber es gefällt mir. Und wissen Sie, was am meisten dabei? Wenn ich richtig in der Erde wühle und arbeite. Im Blumen- oder Gemüsebeet. Den Boden lockern, graben. Wenn es nötig ist, Pflanzlöcher buddeln, Ableger einsetzen, gießen und die Erde mit bloßen Händen andrücken. Das Gefühl, dieser Geruch, das gibt es sonst nicht. Ich habe nie geahnt, wie sich das anfühlt. Wie nah man dann der Erde ist. Da fühlt man das Leben in den Fingern und pflegt es. Na ja, meint er, das klingt vielleicht schon ein bisschen komisch und übertrieben. Aber Sie kennen das bestimmt. Sie haben ja auch einen Garten.
Ja, ja, sage ich, das kenne ich. Aber die Enttäuschungen auch: wenn eine Saat nicht aufgeht oder die Schnecken den Salat weggeputzt haben.
Ach, wissen Sie, meint der Nachbar, auf den Erfolg kommt es mir erst mal gar nicht an. Wenn ich im Garten bin und in der Erde buddel, bin ganz weg vom Alltag. Wie auf einer Insel. Da kann ich alles andere vergessen. Ich finde mich selbst dabei irgendwie anders wieder. Das ist für mich wie meditieren. Man schaltet das Denken ab, aber es geht einem alles Mögliche durch den Kopf. Plötzlich wird einem etwas klar, ohne dass man gerade darüber nachdenken wollte. Oder die Worte von der Beerdigung meines Onkels kamen mir in den Sinn, von der Erde und dem Staub. Wie geht das noch?
Sie meinen: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub?
Genau, sagt der Nachbar, und irgendwie ist das einem da im Garten dann nicht mehr fremd und bedrohlich. Gar nicht wie ein Urteil. Eigentlich ganz natürlich. Und man spürt auch, dass man selbst dazugehört, zu dieser Erde.
Ja, sage ich, das haben die Menschen auch lange vor uns wohl so erfahren. Nicht umsonst heißt es von uns Menschen, dass wir wieder zu Erde werden sollen, von der wir genommen sind.
Ob dann alles aus ist? In der Natur jedenfalls nicht, meint mein Nachbar, da wächst immer Neues.
Ja, das ist wahr. Aber wir sollen nicht weniger neu erwachen. Wo doch unser Herr das vorgezeichnet hat: als Weizenkorn in die Erde gesenkt und gestorben um doch in der Auferstehung viel Frucht zu bringen (Joh 12,24). Nicht nur wir, der ganze Himmel und die ganze Erde sollen neu werden (Off 21).
Auf dieser Reise wünscht Ihnen Zeiten, in denen Sie sich selbst und den Alltag vergessen können und einfach nur da sind, Eko Alberts aus Bonn
Reise zur Erde
|