| |
Strich durch die Rechnung
Liebe Hörerin, lieber Hörer! Wenn einer eine Reise tut, so kann er viel erzählen!
Dieser alte Spruch aus den Zeiten vor Internet und Fernsehen, Flugreisen und Handy trifft auf meinen Nachbarn immer noch zu. Er reist gerne und er erlebt immer wieder etwas, wovon er gerne erzählt. Kürzlich hat er, kurz entschlossen, eine Städtereise gebucht. Nach London. Natürlich hat er viel gesehen. Wenn ich nur einen Teil seiner Digitalbilder anschaue und er die verschiedenen Stationen aufzählt, müssen die vier Tage recht anstrengend gewesen sein. Aber er fährt in der Regel nicht einfach unvorbereitet drauflos. Nicht einmal bei einem Kurztrip. Auch was er sich in London ansehen will, hat er vorher gut geplant.
Zum Beispiel die St. Pauls-Cathedral. Neben Westminster-Abbey die bevorzugte Kirche für königliche Auftritte. Hier wurden vor 30 Jahren Prinz Charles und Lady Diana getraut. Und die Queen will im kommenden Jahr in dieser Kirche ihr Diamantenes Thronjubiläum feiern lassen. Aber das interessiert meinen Nachbarn eher weniger und davon hat er auf seiner Kurzreise ja auch nichts erlebt.
Nein, von St. Paul, so hat er mir schon vor der Reise erzählt, hat er eine ganz besondere Geschichte gelesen, und die macht ihm diese Kathedrale schon im Vornherein unvergesslich: Sie war im 17. Jahrhundert im Stil des römischen Petersdomes neu wieder aufgebaut worden. Mit einer Riesenkuppel als Dach. Die Kirche sollte innen ausgemalt werden. Nicht so farbprächtig wie die italienischen Vorbilder. Schließlich sind wir hier in England und St. Paul ist eine protestantische Kirche, aber immerhin. James Thornhill, später: Sir James Thornhill, erhielt von der Königin den ehrenvollen Auftrag, das Innere der Kuppel mit Gemälden auszugestalten. Acht Szenen aus dem Leben des Namenpatrons der Kirche, des Apostels Paulus, sollten es werden.
Da stand der Künstler dann mit seinen Gehilfen Tag für Tag auf dem Gerüst in der Kuppel in über 60 Meter Höhe. Von unten gesehen ahnt man ja nicht, wie groß die Gemälde dort ganz oben wirklich sind. Und wie schwierig es sein muss, auf dem gebogenen Untergrund der runden Kuppel die Figuren so zu malen, dass sie nicht verzerrt wirken! - Ein Abschnitt ist fertig. Der Meister atmet auf. Er nimmt Abstand, um seine Kunst zu betrachten. Wirkt alles so, wie er es in seiner Vorstellung gesehen hatte? Er geht zurück, die Augen fest auf das Bild gerichtet. Die Gehilfen machen seinen Blicken Platz und gehen zur Seite. Der Meister kneift die Augen zusammen, fixiert jede Gestalt, jeder Farbe, jeden Ausdruck des Gemäldes und geht immer weiter zurück. Dann hinter ihm die Tiefe. Ein halber Schritt noch! Sein Assistent sieht die Gefahr, nimmt einen großen Pinsel und zieht einen breiten Strich über das fast fertige Bild! Wütend stürmt der Meister nach vorne und schreit den vermeintlichen Übeltäter an: Stopp, du Wahnsinniger! Was machst Du?! und versucht ihn von dem Gemälde wegzuzerren. Doch seine Wut wandelt sich bald in Dank, als der Malergehilfe ihm erklärt: Herr, dadurch, dass ich die Malerei verdarb, hab ich Ihr Leben gerettet. Hätte ich gerufen, dann hätten Sie sich vermutlich umgewandt und wären abgestürzt.
Ja, eine beeindruckende Geschichte. Ob sie wahr ist? Mein Nachbar hat natürlich in der Kuppel von St. Paul dafür keine Bestätigung mehr gefunden. Auch nicht mit dem Fernrohr, das er sich mitgenommen hatte. Als er unterwegs war, habe ich einmal im Internet recherchiert. Tatsächlich wird diese merkwürdige Rettung in der englischen Literatur bestätigt. Als ich mich nach der Rückkehr mit meinem Nachbarn noch einmal darüber unterhalte, meint er: Natürlich ging mir die Geschichte nicht aus dem Kopf als ich da unter der Kuppel stand. Fast wurde mir schwindlig vom Gucken. Aber dann sah ich die Bilder vom Apostel Paulus. Da wurde mir klar: Der hat das ja ähnlich erlebt, dass ihm ein Strich durch sein Lebensbild gezogen wurde: Verfolgt die ersten Christen und wird plötzlich gestoppt. Halt, nicht weiter! Aus dem Saulus ein Paulus, aus dem Verfolger ein Apostel.
Uns beiden geht ein Gedanke durch den Kopf: Ob es das denn nur bei berühmten Malern oder Aposteln gibt: Dass da plötzlich einer ist, der uns einen Strich durch die Rechnung macht und trotzdem oder gerade deshalb wird alles gut? In der Bibel steht der kühne Satz: Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt (Sprüche 16,9).
Einen Tag ohne Absturz, aber mit einem Schritt ins Gott- geschenkte Leben wünscht Ihnen heute Eko Alberts aus Bonn
Strich durch die Rechnung
|