Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.08.11, Pfarrer Eko Alberts

"Moin!"

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Mein Nachbar macht nicht nur einmal im Jahr in den Sommerferien seinen großen Urlaub.

Manchmal, wenn ein paar freie Tage sind, unternimmt er auch kleine Reisen. Und er beobachtet dabei so Manches. So war er vor einiger Zeit oben im Norden, nahe meiner alten Heimat, in Ostfriesland. Als er davon erzählt, meint er plötzlich: Sagen Sie mal, dieses „Moin“, ich hab das ja nun schon so oft gehört da im Norden… Sie kommen doch von da, was heißt das eigentlich?

Na ja, sag ich, ich kenn das von Kindesbeinen an. Und eigentlich denkt keiner, der das sagt, darüber nach. Nur die Touristen. Die meinen immer, dass es „Guten Morgen“ bedeuten soll. Ob es mal daraus abgeleitet ist?

Keine Ahnung, kann sein. Aber das empfindet keiner da oben, wenn er das sagt. Vielleicht kommt es auch vom Wort „mooi“, Das heißt etwa: Schön, gut.

Dann wär das so etwas wie: Schönen Morgen, Mittag, Abend!?

Ja, und auch: „Schön, dich zu sehen! Gut, dass du da bist.“ Und nicht vergessen: wer gegrüßt wird, dankt für den Gruß auch immer! ----

"Moin!" In dem einen kurzen Wort, liebe Hörerin, lieber Hörer, ist alles enthalten: Ich habe dich wahrgenommen. Wenn wir wollen, können wir miteinander reden. Ich hoffe, es geht dir gut... "Moin!" oder auch verdoppelt: „Moin, moin!“. Dabei gibt die Intonation dem Gruß eine zusätzliche Bedeutung: Ein kurzes, knappes "Moin!" sagt zugleich: Ich hab's im Moment eilig, sprich mich bitte nur an, wenn es besonders wichtig ist. Und ein länger schwingendes "Mooiin!" lädt eher zu einem Schwätzchen ein. Touristen, die zum ersten Mal kommen, finden das vielleicht putzig, dann aber auch interessant. Wenn sie ein wenig aufmerksam sind, merken sie auch: Eigentlich grüßt jeder  jeden und jede, Frauen, Männer, Kinder, Erwachsene. Jeder gehört dazu. Hier wird man wahrgenommen. Man geht oder fährt auf dem Rad nicht stur und stumm aneinander vorbei. Man sieht sich wirklich. Manche Touristen versuchen sich bald auch daran und tauschen ihr förmliches „Guten Morgen! Guten Abend!“ oder ihr süddeutsches „Grüß Gott!“ gegen ein schnell erlerntes „Moin“ ein. Und wenn ihnen jemand erklärt, was dieses „Moin!“ soll, dann geht es noch besser. Sie haben Spaß daran und schätzen es bald. Nicht umsonst hat sich dieses Grußwort weiter ausgebreitet. ---

Allerdings bestätigte mir mein Nachbar, was ich vor einiger Zeit in Pilsum, einem ostfriesischen Dorf kurz hinterm Deich, schon einmal gehört hatte: Die Touristen zerstören an manchen Orten selbst, was viele von ihnen so schätzen gelernt haben: das Grüßen lässt nach. Zu viele Gäste, auch solche die mit ihren Ferienhäuschen dort länger verweilen, bleiben lieber für sich. „Die grüßen nicht einmal“ heißt es dann. Und das ist schlimmer, als mal ein Bier zu viel zu trinken. Sie werden gegrüßt – und antworten nicht. Die Menschen werden einander fremder. Der selbstverständliche nachbarschaftliche Gruß für jeden und jede wird da und dort seltener. Seitdem immer weniger für einen angebotenen Gruß danken, erstirbt auch den Eingesessenen selbst das "Moin!" immer mehr auf den Lippen. ---

Ich bin mir mit meinem Nachbarn einig: das ist überaus schade. Denn ein Stückchen dörflicher Sitte, ein Stückchen gelebter Nachbarschaft - und sei es nur in einem Gruß - täte unserem menschlichen Klima so gut. Klar, damit rettet man die Welt nicht. Erst recht nicht das Weltklima. Und es gibt dazu auch an der Küste im Norden wichtigere Probleme. Wie wird das z.B. mit den Windparks auf hoher See? Und näher noch: Was wird aus der Landschaft, wenn sie immer mehr durch Windräder verspargelt wird?

Darüber kann ich auch mit meinem Nachbarn philosophieren. Aber jetzt sind wir beim „Moin“ geblieben. Wir sind uns einig: es wäre für unser Mikroklima in den Häusern und Straßennachbarschaften, am Arbeitsplatz, in den Betrieben gut, sich ein Stückchen der dörflichen Nachbarschaftskultur zu kultivieren. Eine kleine Geste gelebter Nachbarschaft. Grüßen und den Gruß erwidern. Egal ob es nun „Moin!“ heißt oder „Grüß Gott!“ Das ist mehr als Folklore. Es ist Pflege des menschlichen Klimas, Umweltschutz im menschlichen Umgang. Darum sagt es uns die Weisheitsliteratur der Bibel  kurz und bündig: "Schäme dich, dass du nicht dankst, wenn man dich grüßt" (Jesus Sirach 41,24b).

„Moin, moin!“ grüßt Sie Eko Alberts aus Bonn

 

Audiobeitrag "Moin!"


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