Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.08.11, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Auf, Seele, Gott zu loben (eg 690)

Autorin: Ein sonniger Samstagmorgen im Garten. Ich schaue in den Himmel, beobachte die Wolken. Wärmende Sonnenstrahlen und erfrischende Windböen auf meiner Haut.

Vögel singen in den Apfelbäumen, mein Hund bellt die Nachbarn an, aus einigen Gärten dringt Hämmern und Sägen, ein Rasenmäher brummt. Ich  hebe meine Arme zum Himmel, strecke sie, bis die Knochen knacken, spüre, wie sich mein Brustkorb weitet und ein langer Seufzer aus meinem Mund strömt. Der Sommer. Ich atme ihn ein, ich atme ihn aus. Ich bin ein Teil dieses wunderbaren Ganzen, dessen Eigenarten Wissenschaftler mir beschreiben können. Niemand kennt seinen letzten Grund. Ich weiß: Es ist Gott, den dieses Lied lobt.  

Choral2,/1.Strophe: 1. Auf, Seele, Gott zu loben. Gar herrlich steht sein Haus!/Er spannt den Himmel droben gleich einem Teppich aus./Er fährt auf Wolkenwagen, und Flammen sind sein Kleid./Windfittiche ihn tragen, zu Diensten ihm bereit. 

Autorin: In einige evangelische Gesangbücher ist dieses Loblied aufgenommen worden. Die Melodie stammt von Johann Steurlein aus dem 16. Jahrhundert. Ein Liebeslied wurde zu dieser Melodie gesungen und das Kirchenlied „Wie lieblich ist der Maien“. Die Melodie geht zu Herzen mit ihren Achtelnoten, die viermal in jeder Strophe einen Bogen formen. Sie  bewegt sich innerhalb einer Oktave, ist eingängig, froh, beschwingt und innig – ein Ohrwurm für Verliebte und für Menschen, die sich von der Sommer-Sonnen-Stimmung einfangen lassen wollen.  

Choral 2/Strophe 1: Auf, Seele, Gott zu loben. Gar herrlich steht sein Haus. 

Autorin: Die Worte des Liedes stammen von Martha Müller-Zitzke, einer  Frau, die im 20. Jahrhundert im Weserbergland lebte. Ihre Tätigkeit als Dichterin beschreibt sie so: 

Sprecherin: Ein neuer Tag nimmt seinen Lauf./ich schließ ihm zum Beginnen/Das Tor der Seel und Sinne auf,/Da spiegelt er sich innen. Ich greife an, ein selig Kind,/dem großen Gott verpflichtet--/Ich singe Wolken, Licht und Wind/Und schreibe, wenn es dichtet. (Quelle: M M-Z, Ein neuer Tag, S. 3)

Autorin: Es dichtet „Lob“ und zwar in alten Bildern, mit denen seit zwei Jahrtausenden Geschöpfe Gott preisen.  Martha Müller-Zitzke leiht sie sich aus dem 104. Psalm in der Bibel:  

Sprecher: Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast./Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich; du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern. (Ps 104,1-4)  

Autorin: Diese uralten Worte macht Martha Müller-Zitzke sich 1947 zu Eigen. Überall auf der Welt leiden Menschen unter den Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft, Mitteleuropa erlebt die härtesten Winter des Jahrhunderts; Millionen hungern, sind obdach- und heimatlos, verwaist und verwitwet. Vor zwei Jahren zeigte das NDR-Fernsehen  die Dokumentation „Hungerwinter“. Zeitzeugen  erinnern sich:  

Sprecher: Ich habe erfahren, dass Hunger und auch Kälte Schmerzen verursacht. Innere Schmerzen. Seelische, körperliche Schmerzen. Man fühlt: du bist an einem Punkt angelangt - leben oder sterben. So ein Gefühl habe ich gehabt.  

Sprecherin: Also die Kälte war wirklich schlimm. Wir sind manchmal aneinander geschlupft. Wir waren schon zu zweit in einem Bett. Aber manchmal waren wir zu dritt in einem Bett, damit wir bloß ein bissel eigene Wärme erzeugen konnten.   

Sprecher: Hunger ist eigentlich immer mit Angst verbunden. Angst, was das morgen bringt, was übermorgen aus einem selbst oder aus der Familie wird, ob man es noch erleben kann, oder ob nicht irgendwie das Ende dann da steht.“  Quelle: www.ndr.de/kultur/kino_und_film/ndr_produktionen/hungerwinter102.html

Autorin: Ausgebrannte Menschen. Überleben ist für sie wichtiger als Trauern. Wichtig ist, in Trümmern suchen, was noch brauchbar ist, wichtig ist, sich wieder einrichten im Leben, das übrig geblieben ist, wichtig ist, dankbar darüber zu sein, dass keine Bomben mehr fallen, auf der Suche nach vermissten Familienmitgliedern, und sich mühen, jeden Tag so gut es geht zu meistern. Doch Angst, Hunger und Tod drohen sie zu überschwemmen.

Martha Müller- Zitzke dichtet von Gott, der die Erde gründete, indem er das Land vom Wasser trennte. Da sprudelt dass Wasser aus Quellen und Brunnen. Es strömt die Berge hinunter. Es überschwemmt nicht, es nährt.  

Choral2/ Strophe 2: Gott hat das Licht entzündet, er schuf des Himmels Heer./Das Erdreich ward gegründet, gesondert Berg und Meer./Die kühlen Brunnen quellen im jauchzend grünen Grund,/die klaren Wasser schnellen aus Schlucht und Bergesgrund.

Choral 2/Strophe 3: Vom Tau die Gräser blinken, im Wald die Quelle quillt,/daraus die Tiere trinken, die Vögel und das Wild./Die Vögel in den Zweigen lobsingen ihm in Ruh,/ und alle Bäume neigen ihm ihre Früchte zu. 

Sprecher, Strophe 3: Vom Tau die Gräser blinken, im Wald die Quelle quillt, daraus die Tiere trinken, die Vögel und das Wild. Die Vögel in den Zweigen lobsingen ihm in Ruh,/und alle Bäume neigen ihm ihre Früchte zu.

Autorin: Gott hat alles gut geordnet. Das Wasser nährt Gräser, Tiere und Vögel. Die geschaffene Natur antwortet dem Schöpfer, indem sie tut, was in ihr liegt: die Gräser wachsen, die Vögel singen, die Bäume bringen Frucht. Und all das nicht um ihrer selbst willen, sondern um Gott zu loben. Und um sich gegenseitig am Leben zu erhalten:  

Choral 1/Strophe 4: Gott lässet Saaten werden zur Nahrung Mensch und Vieh./Er bringet aus der Erden das Brot und sättigt sie./Er sparet nicht an Güte, die Herzen zu erfreun./Er schenkt die Zeit der Blüte, gibt Früchte, Öl und Wein.

Sprecher, Strophe 4,overvoice: Gott lässet Saaten werden zur Nahrung Mensch und Vieh. Er bringet aus der Erden das Brot und sättigt sie. Er sparet nicht an Güte, die Herzen zu erfreun. Er schenkt die Zeit der Blüte, gibt Früchte, Öl und Wein.

Autorin: Das gibt es auch noch nach größter Zerstörung, die vom Menschen ausging. Immer wieder und immer noch werden aus Saatgut Pflanzen, von denen Tiere und Menschen satt werden können. Getreide, das zu Mehl und Brot wird, das sättigt. Satt werden, danach sehnten sich die Menschen in den Nachkriegswintern. Der Zeitzeuge  Martin Schneider sagt:    

Sprecher: Ich wusste nie, wenn ich satt bin. Ich wollte nur immer essen, essen, essen und mein Traum war: Jetzt lernst du Bäcker - dort hast du wenigstens satt zu essen. 

Autorin: Lebensatem und Lebensbrot sind Geschenke Gottes. Darin stimmt die Dichterin mit dem Psalm überein. Schade, dass zwei Gedichtstrophen nicht  in die Gesangbücher gekommen sind. Für mich ist eine davon zentral: 

Sprecher:  Ja, groß ist was Gott werket und alles wartet Sein,/ dass er mit Speise stärket und schenket voll uns ein./Wer kann ohn ihn bestehen? Ach, alles Fleisch verdorrt;/ Zu Staub muss es verwehen, nimmt Gott den Odem fort.  

Autorin: Martha Müller-Zitzke hat Leid im Leben erfahren, persönliches als ihr erstes Kind todkrank wurde und starb, gesellschaftliches Leid vor während und nach dem zweiten Weltkrieg. Ihre Freude an Blumen, an den Farben und Tönen des Lebens hat Gott ihr trotzdem erhalten. Sie gab ihr  Kraft, das Nachkriegsleben für die eigene Familie und für viele einquartierte Flüchtlinge zu organisieren.  Ihr Enkel Jan Müller-Zitzke beschrieb mir in einem Brief seine Großmutter so:  

Sprecher: Gott zu loben, nachdem sie sie seine Gegenwart und Wahrheit glaubend für ihr Leben in Anspruch genommen hatte, muss für sie irgendwie das Selbstverständlichste der Welt gewesen sein. Sie begriff sich selbst und ihre Umwelt in diesem Licht des guten Planes Gottes für alles Leben auf der Erde. 

Choral 1, Strophe7:  Laß dir das Lied gefallen. Mein Herz in Freuden steht./Dein Loblied soll erschallen, solang mein Odem geht./Du tilgst des Sünders Fehle und bist mit Gnade nah.
Lob Gott, o meine Seele, sing ihm Halleluja.    

Sprecher, Strophe 7, overvoice: Laß dir das Lied gefallen. Mein Herz in Freuden steht./Dein Loblied soll erschallen, solang mein Odem geht./Du tilgst des Sünders Fehle und bist mit Gnade nah. Lob Gott, o meine Seele, sing ihm Halleluja.

Musikinformationen:

Musik1:
Track:  1  Auf, Seele, Gott zu loben, Strophen 4+7
Text von Dichter: Martha Müller-Zitzke
Komponist: Johann Steurlein
Melodie: Johann Steurlein  1575
Chor unter der Leitung von: Ev. Kantorei Arnsberg, Ltg: Gunther Schreiber

Musik 2:
CD: Lobe den Herren
Track: 4   Auf, Seele, Gott zu loben     
Text von Dichter: Martha Müller-Zitzke
Komponist: Gerhard Schnitter
Melodie: Johann Steurlein  1575
Chor unter der Leitung von: Das Solistenensemble, Ltg.: Gerhard Schnitter;
Solistin: Hannelore Finkenbeiner

Choralvorspiel:
Titel: Wie lieblich ist der Maien
Chor: Westfälische Kantorei Herford
Leitung: Hildebrand Haake


Texte:
Martha Müller-Zitzke, Ein neuer Tag. Gedichte.  2. Auflage Göttingen o.D.
Die Bibel, Luther 1984
Zeitzeugenzitate: Dokumentation des NDR-Fernsehens: „Hungerwinter“ – 2009 von Alexander Häusser und Gordian Maugg
Quelle: www.ndr.de/kultur/kino_und_film/ndr_produktionen/hungerwinter102.html

Sprechertexte:
1. Gedicht:   Ein neuer Tag …….. S. 3 Sprecherin
2. Psalm 104,1-4, S. 3f
3. 4 Zeitzeugen-Zitate aus  „Hungerwinter“ S. 4 und 5,  zwei Sprecher, eine Sprecherin
4. Liedstrophen 2,3,4, und 7 und zusätzliche Gedichtstrophe: „Ja, groß ist…“, S. 5
5. Zitat des Enkels S.5

Audiobeitrag Auf, Seele, Gott zu loben (eg 690)


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