Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.08.11, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Ein Fest am Abschiedstag

Es gibt diese Tage, da gehe ich durch ein Wechselbad der Gefühle. Eben habe ich noch gelacht und kurz danach bin ich von Traurigkeit umgeben und danach: doch wieder ein Fest.

Ich habe das erlebt, als eine Frau aus unserer Gemeinde starb. Während meines Urlaubs war sie ganz heftig erkrankt. Ich besuchte sie im Krankenhaus. Wie erschrocken war ich. Die Frau, die ich so energisch und vital kannte, lag müde und blass im Bett. Sie wollte gegen die Krankheit kämpfen. Es kostete sie viel Kraft. Bei meinen Besuchen lernte ich  ihre beiden Töchter kennen. Frauen, etwas älter als ich, die sich sehr um ihre Mutter bemühten. Die ihr halfen, die Mühsal der Krankheit zu ertragen. Sie sprachen mit ihr über das gemeinsame Leben, teilten ihre Traurigkeit, übernahmen die Sorge für ihren Haushalt und regelten das Alltägliche. Immer wieder sprachen die Töchter dann auch mit mir darüber, wie das ist, wenn die Mutter so krank ist und vielleicht sterben wird. Dass sie im Sterben lag, merkten wir nach wenigen Wochen. Am Tag ihres Todes feierten fast 300 Kinder Kinderbibelwoche in der Kirche, in der die Frau sich zu Hause gefühlt hatte. Die Kinder hatten Spaß bei Rockmusik und biblischen Geschichten, beim Basteln und Spielen. In bester Stimmung saßen meine Kinder und ich später in der Küche beim Abendbrot.  Wir sangen die Lieder vom Nachmittag. Einer hatte Kochtöpfe aus dem Schrank geholt und  spielte Schlagzeug wie die Band in der Kirche.

Da klingelte das Telefon.  Eine der Töchter war am Apparat. Ihre Mutter sei gerade gestorben. Sie säßen an ihrem Bett. Ob ich dazu kommen wolle. Ich brachte die Kinder ins Bett und ging zum Krankenhaus. Eine stille weiße Welt nach dem bunten und lauten Nachmittag mit den Kindern.

Leise klopfte ich an die Zimmertür. Die beiden Frauen empfingen mich. Sie saßen zur rechten und linken am Bett ihrer toten Mutter.  Die Töchter waren traurig und belebt -  zur selben Zeit. Sie erzählten vom Sterben ihrer Mutter. Sie hatten es gemeinsam geschafft. Sie weinten. Sie lachten. Sie erinnerten an Momente aus dem Leben der Mutter. Wir beteten. Eine der Schwestern verschwand und kam mit einer Flasche Sekt zurück. Wir stießen an auf das Leben der Frau, auf das Lebend der Familie, auf die frohen und die schmerzhaften Erinnerungen.
Wir weinten und lachten und ich glaube ganz sicher: wir waren nicht allein.

Die Töchter wussten, dass noch viel Schwieriges auf sie zukommen würde, aber in diesem Moment hatten sie keine Angst. Keine Angst vor dem Leben ohne ihre Mutter, keine Angst vor dem Sterben. Am Totenbett ihrer Mutter erlebten wir einen festlichen Moment. Auch die Krankenschwester, die zwischendurch mal vorbeikam, merkte das. Sie schenkte uns Zeit zum Abschied Nehmen.

Noch heute wird mir warm, wenn ich mich an diesen Abend erinnere. Es war gut so. Es tat gut zu feiern an diesem Tag. Ein geliebter Mensch war gestorben. Wir trauerten und waren froh, weil wir zusammen waren, weil wir lebten, weil wir mit der Frau, die jetzt tot war, soviel erlebt hatten. Den Trauergottesdienst feierten wir wenige Tage später in der Kirche, in der die Frau selbst so oft gebetet, gesungen und aus der Bibel vorgelesen hatte und wo die Kinderbibelwoche getobt hatte. Der Sarg stand im Altarraum, ein Sonnenstrahl fiel direkt darauf. Ich glaube: Gott ist bei uns alle Tage, im Leben, im Sterben und auch danach.

Audiobeitrag Ein Fest am Abschiedstag


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