Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.08.11, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Lesetage

Einen guten Tag wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Tage der besonderen Art sind in dieser Woche mein Thema. Lesetage zum Beispiel.

Es gibt anstrengende Lesetage, an denen Schüler und Studentinnen so viel lesen, dass sie am Abend mit einem schweren Kopf ins Bett gehen. Daneben gibt es leichteres Lesen. Lesen zum Vergnügen. Im Zug oder in der U-Bahn, im Krankenbett, auf dem Liegestuhl unterm Sommerhimmel im Urlaub, oder ins Sofa gekuschelt an Wintertagen. Beim Lesen werden  Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Sätzen. Aus Sätzen werden Gedanken. Gedanken, die fremde Orte, neue Welten in mir entstehen lassen, Impulse, die mich anfragen, mir zustimmen, die mich aufregen oder beruhigen. Auch wenn ich an einen Ort gebunden bin, Lesen setzt meine Phantasie in Gang und ich bin in anderen Welten und Zeiten, lerne fremde Menschen kennen und teile ihr Leben.

Mein erstes Leseerlebnis dieser Art hatte ich auf dem Fußboden im Esszimmer meiner Großeltern. Acht Jahre war ich alt und auf Osterferienbesuch. Mein Großvater liebte Karl May. Die dicken grün eingebundenen Bücher hatte ich im Regal  entdeckt. Die gedruckte Süterlinschrift konnte ich nur mühsam entziffern. Aber die Neugier auf den Indianerhäuptling Winnetou war stärker. Ich öffnete das Buch, schloss es jedoch abgeschreckt schon nach der ersten Seite. Was interessierten mich Karl Mays Gedanken  über Greenhorns im Wilden Westen oder die Herstellung eines besonderen Gewehrs?! Ich wollte das Buch weglegen - doch mein Großvater kam mir zu Hilfe. Er schlug die 30. Seite auf. „Versuch es mal hier“, ermunterte er mich. Ich folgte seinem Rat und war nach wenigen Minuten in Karl Mays Wilden Westen eingetaucht. Ich war dabei, wenn Grizzlyfleisch unter dem Sattel weichgeritten wurde, ich regte mich mit Old Shatterhand und Winnetou auf über rücksichtslose weiße Siedler, die von der Eisenbahn aus Büffel und Indianer abknallten, ich litt mit ihnen als Winnetous Schwester starb.

Ähnlich vertieft lese ich heute eine Zeitungsreportage, die mit Herzblut geschrieben ist. Wenn ein Autor davon erzählt, wie er ein Haus besucht, in dem demente Menschen leben. Wie er sich den Verwirrten nähert, sie aufs Klo begleitet oder miterlebt, wie Pfleger ihnen liebevoll das Essen reichen und feinfühlig durch Impulse Erinnerungen in ihnen wecken. Beim Lesen gehe ich an der Hand des Autors durch dieses Haus, teile seine Erfahrungen und kann mir am Ende vorstellen, dass ich das ja auch lernen kann, mich Menschen zu  nähern, die mir zunächst fremd sind und mir Angst machen.

Kein Wunder eigentlich, dass Glaube sich oft auf Bücher beruft. Geschichten, die in der Bibel oder anderen heiligen Schriften aufgeschrieben sind, bringen Leser und Leserinnen dazu, den eigenen Horizont zu überschreiten. Sie öffnen ihnen gleichsam den Himmel, helfen ihnen, von außen aufs eigene Leben zu schauen und sich mehr zu wünschen für heute und für morgen, für sich selbst und die Welt, in der sie leben.

Lesen schenkt Freiheit. Es befreit vom Glauben, dass alles so bleiben muss, wie es immer war. Es setzt Energien frei, morgen anders zu handeln als heute. Lesetage sind gefüllte Tage, denn wer liest, bleibt lebendig. Deshalb bin ich  froh über jeden Mann und jede Frau, die als Lesepaten in Schulen und Kindergärten gehen und Kindern die Türe zum Lesen öffnen, so wie mein Großvater es für mich gemacht hat.  

Audiobeitrag Lesetage


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