Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.11, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Lob auf den Alltag

Der Mittwoch, lieber Hörer, liebe Hörerin, ist so etwas wie der Scheitelpunkt der Woche. Der mittlere Tag zwischen Sonntag und Samstag. Einer von sechs Alltagen.

Alltag – dieses Wort scheint manchmal abwertend gebraucht zu werden. Es wird schnell gleichgesetzt mit  Langeweile und Routine, Belastung, frühem Aufstehen, Staus auf Autobahnen und lange Wartezeiten, bis der Bus oder die volle Bahn endlich kommen. In unserer Art zu reden, scheinen das Wichtige im Leben die Fest-und Urlaubstage zu sein. Die Alltage schneiden im Vergleich mit ihnen schlecht ab.

Wenn es das aber nicht mehr gibt, wenn das Gleichmaß des Alltags wegfällt, weil der Ruhestand begonnen, die Arbeitsstelle wegrationiert wurde, oder eine schwere Krankheit einen Menschen zu Bettruhe und Rückzug zwingt, dann wacht oft die Sehnsucht nach dem Alltag auf.

Eine schwerkranke Frau wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde. Ihr letzter Wunsch war  nicht etwa eine Weltreise. Am liebsten wollte sie noch einmal mit ihren Töchtern morgens aufstehen, ihnen die Frühstücksbrote zubereiten und sie in die Schule verabschieden. Eine Rentnerin vermisst die Struktur, die ihr die Arbeitsstunden gegeben haben; ein Arbeitsloser packt jeden Morgen seine Tasche, verlässt die Wohnung und tut so, als ginge er zur Arbeit. Solche Geschichten kennen wir alle oder haben sie selbst erlebt.

Das Alltägliche gibt unserem Leben ein Gerüst, innerhalb dessen wir uns bewegen können. Der Arbeitsalltag gibt uns selbstverständliche Aufgaben. Wir müssen uns nicht jeden Tag neu erfinden. Es ist klar, was wir zu tun haben.  Erst wenn wir Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag in ihrem Gleichmaß erlebt haben, können wir die Freiheit spüren, die Samstag und Sonntag uns gewähren, es sei denn wir gehören zu den Menschen, die unabhängig von Wochentagen in Schichten arbeiten.

Die Bibel weiß um den Segen, der auf den Wochentagen liegt. Sie weiß um den Rhythmus des Lebens, der darin enthalten ist. Im ersten Buch der Bibel wird zweimal erzählt, wie Gott die Erde erschafft. Der erste Schöpfungsbericht beschreibt, wie  gottgläubige Gelehrte sich vor 1500 Jahren die Entstehung der Welt dachten.  Mit einer gewissen Monotonie sind die Sätze aufgebaut. Inhaltlicher Vielfalt stehen gleichförmig gebaute Sätze gegenüber. Jeden Tag erschafft Gott etwas anderes: Licht am ersten Tag, am zweiten trennt Gott Himmel und Erde, am dritten Tag Land und Meer, am vierten Tag setzt Gott Sonne, Mond und Sterne an den Himmel, am fünften bevölkern die Tiere die Erde und am sechsten wird der Mensch erschaffen. Das Ende jeden Tages wird jedoch immer das Gleiche beschrieben: Da ward aus Abend und Morgen der erste, der zweite, der dritte, vierte, fünfte und sechste Tag. Die Alltage sind gleich strukturiert. Nur der siebte Tag wird geheiligt und bekommt dadurch eine Sonderstellung.

Jeden Tag macht Gott etwas anderes und doch gleichen sich die Tage in ihrer Struktur.  Und wir Menschen, die wir Gottes Ebenbild sind, brauchen genau das: das Gleichmaß und die Möglichkeiten, die Tage von einander zu unterscheiden. Und zwar unabhängig davon, ob wir krank oder gesund, im Ruhestand, arbeitslos oder beschäftigt sind.

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