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Tage meines Lebens
Berlin-Mitte. Sophienstraße 19. Eins von diesen liebevoll renovieren mehrstöckigen Häusern aus der Gründerzeit. Ein offenes Eingangstor zieht Touristen an. Im zweiten Hof:
das Hotel eines christlichen Verbandes in einem Neubau. Eine Mauer aus gelben Ziegelsteinen grenzt das Grundstück an einer Seite ab. Fünf Tafeln sind da neben einander aufgehängt. Worte stehen drauf. Die Name der Wochentage z.B. Aber da steht auch: Sterbetag, mein Alltag, Geburtstag, Sommertag und Wintertag. Abschiedstag, Prüfungstag, Hochzeits- und Scheidungstag, Lesetag, Schwarzer Tag, Urlaubstag.
Viele solcher Tage habe ich schon erlebt. Und jeder Tag weckt in mir Erinnerungen: Ein leichtes Sommerfest, ein Ferientag, der nach Sonne und Reisen schmeckt und gleichzeitig Abschied ahnen lässt. Ein schwarzer Tag im Sommer oder im Winter, ein Prüfungstag, mein Alltag.
Auf der letzten Tafel steht ein Satz aus der Bibel: Jesus spricht: Ich bin bei euch alle Tage.
Pfarrer Hermann Traub hatte die Idee mit den Tafeln. In den Neunziger-Jahren leitete er den christlichen Verband. Für ihn sind die alten Häuser mit ihren Höfen Juwelen. Die Hinterhöfe locken die Touristen, in die Tiefe zu gehen. Als ob sie etwas suchten. Und sie finden etwas, fast in jedem Hof: Galerien, Cafés, Kunst- und Handwerksbetriebe, kleine Bühnen und Kindertagesstätten. Sie finden Ruhe in der Nacht. Mitten in der Großstadt kein Autolärm dafür Vogelgezwitscher am frühen Morgen. In vielen Höfen stehen programmatische Aufschriften an Mauerwänden. Das regte Hermann Traub an, auch die Mauer in diesem Hof zu beschriften: Mit Tagen, wie jeder und jede sie kennt. Und dann am Schluss: dieser biblische Satz: als Überraschung, als Ärgernis, an Anregung, als Schatz, den man entdecken kann in der Tiefe dieses Hofes: Jesus spricht: Ich bin bei euch alle Tage.
Vor der Mauer stehen Gartentische eines kleinen Restaurants. Hermann Traub hat beobachtet: Viele Gäste lesen, was auf den Tafeln steht. Für einen Moment sind sie still, wenn sie mitten im lauten Berlin, mitten im Getümmel unserer Tage dieses Versprechen lesen. Bei jeder Taufe wird dieser Satz gesagt. Gott verspricht dem Menschen: Ich bin da, ich gehe mit dir durch Dick und Dünn. Ich bleib an deiner Seite, auch wenn du dich von mir entfernst. Ich warte auf dich und bin da, wenn du mich in dein Herz lässt. Es liegt an uns, ob wir Gottes Nähe an unseren Lebenstagen spüren oder nicht. Gott bietet es uns an und wir können es annehmen. Dadurch können wir unsere Tage anders erleben, mit dem Vorzeichen Gottes sozusagen: Gott freut sich mit mir, wenn ich froh bin. Gott sieht meine Tränen, wenn ich traurig bin. Wenn ich wütend bin, weiß jemand warum, und wenn ich unrecht tue, regt jemand mich an, das zu erkennen, mich zu entschuldigen und es das nächste Mal anders zu machen. Wenn ich abstürze in tiefe Not und Verzweiflung, ist immer noch eine Hand da, die mich hält.
Auch heute ist so ein Tag, der anders wird, wenn ich mich darauf verlasse, dass Gott an meiner Seite ist, so wie Jesus es versprochen hat.
Tage meines Lebens
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