Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.11, Pfarrer Erhard Ufermann

Fünf Euro für den Gekreuzigten (1. Kor. 1,18 ff)

Am Wochenende habe ich auf dem Flohmarkt für fünf Euro den Gekreuzigten gekauft. Die Figur mit den ausgestreckten Armen ist etwa 50 cm hoch. Ihr fehlen beide Hände.

Sie sind auf Höhe der Unterarme gebrochen. Die Verkäuferin konnte mir noch eine genagelte Hand mitgeben. Die andere ging verloren, so sagte sie. Solche und ähnliche Korpusse - meist an ein Kreuz geheftet - gibt es in allen Größen und aus allen Materialien: Ganz kleine in Gold oder Silber als Schmuck für die Halskette, Kunstwerke in Kirchen zur inneren Einkehr, an Unfallstellen zur Erinnerung und Mahnung. In Rio de Janeiro stand ich zu Füßen dieser größten Christusfigur, die sich mit ausgebreiteten Armen über die Slums der Weltstadt erhebt. Manche glauben an die schützende Kraft dieser Abbildungen des Gekreuzigten. Andere glauben mehr an das Geschäft. Man kann mit dem Gekreuzigten tolle Geschäfte machen. Mein erworbener Korpus war günstig, weil er zerbrochen ist. Gerade das aber zog mich an. Der eine abgebrochene und der andere fehlende Arm – eine kleine Zumutung für unsere Ästhetik und Erwartung.

Fünf Euro - mehr war er der Verkäuferin nicht wert. Entscheidend ist aber nicht, was eine Abbildung des Gekreuzigten heute wert ist, sondern was einem das wert ist, was dieser Mann damals wollte, weswegen man ihn letztlich gekreuzigt hat. Dieser Zimmermann aus irgendeinem Dorf in Palästina war zu seiner Zeit für das Establishment eine Zumutung, seine Hinrichtung ein Skandal, wie ein Freund dreißig Jahre später schrieb. In den 2000 Jahren danach ist dann Vieles verbogen, gebrochen, theologisiert, verkauft oder bis zur Unkenntlichkeit geglättet worden, dass wir heute große Mühe haben, überhaupt noch zu verstehen, was dieser Mann wollte. Manches hat sich geradezu ins Gegenteil verdreht. So wurde aus einem Folterwerkzeug Schmuck. Das Kreuz, das Jesus kaum tragen konnte, hängen wir uns heute um den Hals. So kann sich das in 2000 Jahren ändern! Die Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Kirchen haben immer versucht, Jesus für sich zu vereinnahmen. Vielleicht, weil das bis heute noch so gefährlich, so aktuell ist, was er wollte.

Für die einfachen Leute ist es ganz einfach:
Der Jesus, der nichts besaß, war und ist bei den Armen.
Der verfolgte Jesus war und ist bei den Verfolgten.
Der Gefolterte war und ist bei den Gefolterten.
Der Verurteilte sitzt mit auf der Anklagebank.
Der gebrochene Jesus war und ist bei den Gebrochenen.
Der Lebendige war und ist für das Leben.

So einfach war und ist das und gleichzeitig so schwierig: Wenn erzählt wird, dass Gott im Himmel ist, wie kann ich glauben, dass er dort ist, wo ich die Hölle durchmache?! Wenn wir das Heil von oben erwarten, wie können wir glauben, dass Gott uns ganz unten begegnet?! Wenn das Establishment glauben machen will, der Allmächtige sei auf ihrer Seite, woher nimmt man die Kraft zu glauben, dass er bei den Ohnmächtigen ist?!

Ich suche noch einen Platz für meine gebrochene Figur. Ich befürchte, er passt ästhetisch nirgendwo. Für manche ein Skandal, für andere eine Zumutung, so schrieb der Freund drei Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu. Für Menschen aber, die das Leben suchen, ist es eine Kraft Gottes. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

 

Audiobeitrag Fünf Euro für den Gekreuzigten (1. Kor. 1,18 ff)


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