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Gott suchen und finden
Autor: Suchen ist etwas Schönes, meinte kürzlich Jürgen Becker, der Kabarettist aus Köln, nur eines ist noch schöner: finden. Aber wie sucht man Gott?
Und vor allem, wie findet man ihn? Auf die Suche gemacht hat sich Dietmar Silbersiepe, evangelischer Pfarrer in Düsseldorf. Und dabei andere Suchende getroffen vor ein paar Wochen auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden, und: Jürgen Domian, den Night-Talker des WDR.
O-Ton Domian: In meinem Fall ist es schon, dass ich mich seit vielen Jahren auf einer spirituellen Suche befinde, weil ich ganz früher mal ein ganz gläubiger Mensch war und das dann Jahrzehnte überhaupt nicht mehr war, aber seit einigen Jahren sich da irgendetwas verändert in mir und ich meine Fühler so ausstreck, ja, suche, suche ist das richtige Wort.
Autor: In seiner Jugendzeit war der im bergischen Gummersbach aufgewachsene Domian fest verankert im Glauben an Gott und in der Ethik des Christentums, wie er sagt. Doch die Zeiten sind vorbei. Als er sich mit Philosophen wie Nietzsche und Feuerbach auseinandersetzte, ist ihm der Kinder- und Jugendglaube schon vor Jahren abhanden gekommen.
O-Ton Domian: Wenn das alles wegbricht, steht man erst mal alleine da, aber unfassbar alleine, in einer unfassbaren Leere, so habe ich das damals aufgefasst. Da hatte ich meinen ganzen Glauben zertrümmert, der lag da auf dem Boden, aber ich hatte auch nichts Neues. Ja, das war nicht schön.
Autor: Deswegen die Suche. Suchen nach einem Glauben, der den Fragen des kritischen Denkens standhält und der trägt, vor allem in den dunklen Stunden, wenn dir die Frage nach der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens, die Frage nach Sterben und Tod zusetzt.
O-Ton Domian: Das ist ein großes Thema seit einiger Zeit schon für mich, es ist ein permanentes Thema, sagen wirs so. Es sterben Menschen aus dem Umfeld, vor vier Jahren ist mein Vater gestorben. Ich kann das nicht so zur Seite legen und zur Tagesordnung übergehen.
Musik: Magnus Öström - Thread Of Life, LC 07644, Track 9: Hymn for the past Part I
Autor: Die Suche nach dem tragenden Grund seines Lebens begann für Jürgen Domian mit einer Einsicht: Ich muss, ich will das permanente Verdrängen und Wegschieben dessen, was mir auf der Seele liegt, verlernen. Wie das geht? Am besten in Zeiten der Stille.
O-Ton Domian: Generell finde ich schon, dass wir in einer furchtbar lauten Welt leben, wir werden ja ständig zugeballert mit irgendwelchen Klingeltönen oder Hintergrundmusiken in Kaufhäusern. Ich glaube schon, dass es an Stille sehr mangelt in unserer Welt, in unserer westlichen Welt, daher suche ich in meinen Urlauben ja auch immer bewusst die Stille.
Autor: Jürgen Domian begibt sich im Urlaub auf die spirituelle Suche, vorzugsweise in der Einsamkeit der Seen und Wälder Lapplands.
Musik: Nils Landgren/Esbjörn Svensson - Layers of light, LC 07644, Track 12: Lonely at the lakeside
O-Ton Domian: Die Sehnsucht geht gen Norden. Ich fahre alleine und wohne meistens in einem Blockhaus im Wald. Da gibt es nicht viel zu reden. Dann arrangiert man das mit dem Vermieter des Hauses. Und dann ist man da. Und dann wird geschwiegen. Das ist das komplette Kontrastprogramm zu meinem normalen Alltag während des Jahres, wo ich sehr viel reden muss, sehr viel kommunizieren muss, mit Menschen zusammenkomme, das ist ein wenig wie Exerzitien halten.
Autor: Wer sich darauf einlässt, wird in der Stille und im Schweigen wichtige Erfahrungen machen.
O-Ton Domian: Indem man das übt oder sich darauf konzentriert, wird man mit vielen Dingen konfrontiert aus sich selbst, die man im normalen Alltag schön verdrängt, permanent verdrängt.
Autor: Das kann schmerzhaft sein aber auch heilsam. So jedenfalls nähert sich Domian Stück für Stück wieder der Frage nach Gott und dem Glauben an ihn.
O-Ton Domian: Ja, ich bin zumindest kein Atheist mehr, beileibe nicht mehr. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr viel mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt, aber das ist alles noch Abtasten, das weiß ich noch nicht so richtig.
Autor: Den Stein der Weisen hat er nicht gefunden. Aber wer findet den auch schon?!
O-Ton Domian: Das ganze Leben ist Bemühen, und das ganze Leben ist Ringen, da bin ich ganz sicher, Ringen um den richtigen Weg.
Musik: Nils Landgren/Esbjörn Svensson - Layers of light, LC 07644, Track 9: Lullaby
O-Töne Kirchentag: Gott, ja ich glaub das ist ne lebenslange Suche. Manchmal hat man das Gefühl, er ist näher, manchmal ist er weiter weg. / Ich glaub, dass man immer wieder neue Wege findet, auf denen man seine Spuren entdecken kann, deswegen muss auch jeder selber auf die Suche gehen. / Man kann ihn immer noch mehr entdecken, finde ich. Also, er ist schon immer da, aber er ist so weit, so umschweifend, dass man immer mehr von ihm erfahren kann, das hört nie auf.
Autor: Also freuen wir uns über jedes Stück von Gott, das wir für uns entdecken und finden. Gute Hinweise und Tipps, was uns dazu helfen kann, finden wir natürlich auch in der Bibel. Zum Beispiel im Buch des Propheten Jeremia.
Sprecher: Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen, spricht Gott, der Herr.
Autor: Das Herz steht in der Bibel für das, was uns im tiefsten Inneren wichtig ist. Modern gesagt: Das, worauf wir konditioniert sind. Wenn du permanent auf anderes festgelegt bist, wird es Dir schwer fallen, Gott zu finden. Wie die Anekdote von dem Indianer in New York augenzwinkernd belegt.
Sprecher: Ein Indianer spaziert mit seinem New Yorker Freund durch Manhatten, bleibt plötzlich stehen, spitzt die Ohren und sagt zu dem Freund: Wunderbar ein Grillenzirpen mitten in Eurer Riesenstadt! Hör doch! Irgendwo muss sich hier eine Grille versteckt haben. Der New Yorker sagt: Ich höre gar nichts. Wie soll man auch bei diesem Taxigehupe das Zirpen einer Grille hören. Da macht der Indianer ein interessantes Experiment: Er lässt, mitten im Straßenlärm ein 50cent-Stück fallen. Wie auf Kommando drehen sich die Fußgänger um und spitzen die Ohren.
Autor: Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein, hat Jesus gesagt. Wenn deine Schätze Geld und materieller Besitz sind, dann wirst du dort auch mit deinem Herzen sein. Wenn dir die Suche nach Gott wichtig ist, wird sie dir zur Herzensangelegenheit, wirst du dir sagen: Ja, Gott soll mir jetzt wichtig sein, er soll wie ein Schatz sein, den ich finden will.
Musik: Bugge Wesseltoft - Playing, LC 06025, Track 9: Many rivers to cross
Autor. Gott mit dem Herzen suchen, heißt auch, ihn nicht nur theoretisch und in Gedanken suchen, sondern praktisch und konkret, sich auf Erfahrungen einlassen, die zu Herzen gehen und das Herz für ihn öffnen, so öffnen, dass du ihn spüren, ihn wahrnehmen und hören kannst.
O-Ton Kirchentag: Nicht direkt so mit ner Donnerstimme vom Himmel, sondern im Gottesdienst, wenn 's still wird, wenn ich da auch mal innerlich ruhig werden kann, und in seinem Wort natürlich, in der Bibel, dass mich besondere Verse anrühren, die andere in dem Moment vielleicht gar nicht anrühren, aber dass ich dann merke, das ist jetzt was für mich.
Autor: Jürgen Domians Urlaubsexerzitien, seine Erfahrungen mit der Stille in Lappland lassen sich ja möglicherweise auch mitten in den Alltag des Lebens integrieren. Stille Zeit mit Gott. Am besten täglich.
O-Ton: Ich mach das meistens morgens früh, bevor alles losgeht - mit der Bibel oder den Herrnhuter Losungen, wo man ja für jeden Tag zwei kurze Bibelworte findet. Mir reichen die meistens. Manchmal passiert da gar nichts. Keine Stimme von Gott, nur meine eigenen Gedanken, die um irgendwas kreisen. Aber manchmal ist es auch anders. Zum Beispiel im Dezember vor 3 Jahren, das werd ich nie vergessen: morgens um fünf, als ich aus ner Klinik die Nachricht bekam: Meine Schwester ist verstorben. Wie gelähmt hab ich noch schnell in das Buch der Losungen geschaut, bevor ich losgefahren bin. Und dann lese ich zwei Bibelworte, die waren so etwas wie die Stimme Gottes an diesem Morgen speziell für mich.
Sprecher: Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Prophet Jesaja. Dazu aus dem Brief des Paulus an die Römer: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.
O-Ton: Als ich dann im Auto saß, konnte ich nur sagen: Danke, lieber Gott.
Autor: Eine Erfahrung, die zeigt: Suchen und Finden beruhen auf schöner Gegenseitigkeit. Ich suche nach Gott, und er sucht nach mir. Ich suche und finde ihn, weil er mich sucht und mich findet. So wie schon ganz zu Beginn bei Adam und Eva im Paradies, die Gott und sich selbst zwischen den Bäumen verloren hatten. Da ging Gott durch den Garten und suchte sie: Adam, wo bist du? Auch wenns für sie schmerzhaft war, Gott gab ihnen jenseits von Eden ein neues Leben, eine neue Perspektive.
Musik: Didier Squiban - Porz Gwenn, LC 00784, Track 5: Variation 5
O-Töne Kirchentag: Ich kenne auch Leute, die Gott intensiv suchen, aber ich glaube, dass Gott einen auch sucht, und dass man sich von Gott finden lassen kann. / Sagen wir mal so, ich glaube, er hat mich gefunden, indem er andere Menschen mir in den Weg gestellt hat, die mir gute Anregungen gegeben haben in der Phase, in der ich sehr gesucht habe und sehr mit mir selber im Unreinen und im Unklaren war.
Autor: Wie bei dem Zöllner Zachäus von dem in der Bibel erzählt wird, wie sich Jesus ihm in den Weg stellt. Zachäus, der mit seinem verkorksten Leben auf Gottsuche war und den Jesus auf seine Weise aus der Reserve lockt: Zachäus, was du auch immer bisher erfolgreich verdrängt hast, was dir auf der Seele liegt und dein Gewissen belastet, komm heraus damit, leg es Gott hin, er liebt dich wie du bist und hilft dir, so zu werden wie du sein kannst: ein von Gott Geliebter, dem es in Fleisch und Blut übergeht, nach seinen Geboten zu leben. So wird Zachäus in einem intimen Gespräch mit Jesus von Gott gefunden und sein Leben beginnt neu.
O-Ton Kirchentag: Es muss für jeden Menschen konkret werden, und das ist für jeden anders, und zum Glück hat ja Gott vielfältige Weisen und tausend Möglichkeiten, uns zu finden, jeden, so wie er's braucht, da vertrau ich drauf.
Autor: In der Stille Lapplands oder beispielsweise auch auf dem Deich an der Wümme.
O-Ton Kirchentag: Da ich diese Gegend an der Wümme unheimlich liebe und da regelmäßig laufe mit dem Hund, hab ich da so'n Ritual eingebaut, wo ich mich auf'n Deich stelle und mit ihm spreche Und das ist, da erlebe ich ihn einfach. Manchmal, insbesondere, wenn ich große Sorgen habe und nicht weiß, wo ich sie hinbringen soll, dann hat das wirklichn Effekt auf mich. Wenn ich dann zurück laufe, hab ich das Gefühl, dass ich was abgeladen habe und dass ich ne Verantwortung weiter gegeben habe, die ich selbst alleine nicht tragen kann.
Musik: Didier Squiban - Rozbras, LC 03708, Track 3: Bild 3
Autor: Sie hörten einen Beitrag der Evangelischen Kirche von Dietmar Silbersiepe, Pfarrer in Düsseldorf.
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