Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.07.11, Superintendentin Annette Kurschus

Die fünf Sinne - Tasten

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. „Nicht drücken!“, soll ich als kleines Kind schon von weitem gerufen haben, wenn sich meine Großtante näherte.

„Nicht drücken!“ Die Großtante hatte Haare auf der Oberlippe, und wenn sie meine Wange berührte oder mich gar überschwänglich küsste, tat das weh. „Nicht drücken!“ Ich weiß noch heute, wie sich das gefürchtete Kratzen im Gesicht anfühlte. Berührungen sitzen tief.

Berührungen haben es in sich. Tastend und vorsichtig fasse ich manches an – anderes zupackend und forsch. Zärtlich und liebevoll kann ich etwas befühlen – oder roh und gewalttätig zugreifen. Ich kenne Berührungen, die trösten und beruhigen. Und ich weiß um Berührungen, die schrecken auf und verstören. Beglückend nah kann es sein, wenn mich jemand anfasst. Aber auch schamlos übergriffig.

Unsere Haut ist ein erstaunliches Organ. Riesengroß. Und überall. Ganz anders als Ohren, Nase, Mund und Zunge. Von Kopf bis zu den Zehenspitzen feinfühlig und höchst empfänglich. Unsere Haut ist eine Poetin. Oder soll ich sagen: Eine Malerin? Was sie ertastet, was sie berührt, was ihr widerfährt, setzt sie in Bilder. Für meine Haut fühlt sich etwas so weich an wie Samt – oder so rau wie Schmirgelpapier; so warm wie eine Ofenkachel – oder so feucht wie eine Hundeschnauze. Meine Haut spürt eine Berührung – und reagiert: Sie schmerzt, sie brennt, sie ist geschmeichelt, sie platzt auf, sie entwickelt Schwielen oder sie schubbert als Gänsehaut. An den Fußsohlen reagiert sie anders als auf der Stirn; am Rücken anders als auf dem Bauch. Feinfühlig und höchst empfänglich.

Als junge Pastorin lernte ich eine alte Dame kennen, die sehnte sich seit Jahren vergeblich danach, dass jemand sie berührte; dass jemand ihre Haut streichelte, sie umarmte, ihre Hand fasste. So lange hatte sie das nicht mehr erlebt. Seit ihr Mann gestorben war, nicht mehr. Nach Nähe sehnte sie sich. Nach Wärme. Nach Geborgenheit. Ich weiß noch, wie schwer es ihr fiel, mir das zu sagen. Sie schämte sich. „Manchmal“, sagte sie – und es klang beinahe, als bäte sie um Entschuldigung; „manchmal komme ich nur deshalb zum Gottesdienst, damit ich am Ende mit dem Segen nach Hause gehen kann. Diese alten Worte vom leuchtenden Angesicht Gottes – die kommen mir so nah. Wie eine Berührung. Sie umhüllen und wärmen mich wie ein schützender Mantel, in den ich mich schmiegen kann. Auch im Alltag.“

Diese alte Dame vergesse ich nicht. Am Ende eines Gottesdienstes muss ich manchmal an sie denken. Dann, wenn jene uralten biblischen Segensworte erklingen, die sie so liebt. Ob ich die Worte selber spreche oder ob sie mir zugesagt werden: Wunderbare Worte sind es. Worte, die anrühren und mit mir gehen. Ja - der Segen Gottes hat Berührungskraft. Vielleicht haben Sie die Kraft des göttlichen Segens selbst schon gespürt. Morgen im Gottesdienst könnte das wieder geschehen. Oder jetzt. Gehen Sie heute in diesen Tag; gehen Sie morgen in die neue Woche berührt und begleitet von Gottes Segen:

Der HERR segne dich und behüte dich;der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig;der HERR hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen.

Audiobeitrag Die fünf Sinne - Tasten


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