Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.07.11, Superintendentin Annette Kurschus

Die fünf Sinne - Schmecken

Sich etwas auf der Zunge zergehen lassen: Das, liebe Hörerin, lieber Hörer, das bedeutet Genuss!

Ein Stück der Lieblingsschokolade zelebrieren, einen Bissen des Leib- und Magengerichts kosten, einen Schluck köstlichen Weins im Mund hin- und her bewegen ...: Ein Fest ist das für die Zunge und den Gaumen, wo unsere Geschmacksknospen sitzen und melden, ob etwas süß ist oder sauer, mild oder bitter, fade oder würzig, lieblich oder herb.

Leidet bei Ihnen auch der Geschmack, wenn Sie stark erkältet sind? Wenn mein Hals schmerzt, die Nase verstopft ist, der Kopf brummt – dann kann ich mir auf der Zunge zergehen lassen, was ich will: Ich schmecke nichts. Pappe könnte ich essen statt Brot; Senf könnte ich löffeln statt Joghurt; Kamillentee trinken statt Kaffee – alles einerlei. An solchen geschmacklosen Tagen merke ich, wie gern ich genieße. Mir wird bewusst, wie wichtig und unverzichtbar der Genuss für mein Leben ist. Wie freudlos, ja wie ungenießbar die Tage werden, wenn es nichts zu genießen gibt.

Existieren und Funktionieren kann ich auch ohne Genuss. Zum Dasein und Arbeiten reicht es, dass ich satt werde und der Körper ausreichend Flüssigkeit erhält. Wenn Hunger und Durst gestillt sind, reicht das, um körperlich gesund und leistungsfähig zu bleiben. Es reicht, um meine Pflichten zu erledigen.

Zu einem erfüllten Leben reicht es nicht. Leben meint mehr als bloßes Am-Leben-Sein. Bei uns in Siegen lädt die Diakonie jedes Jahr am Heiligen Abend Wohnungslose und sozial schwach gestellte Menschen zum Festschmaus ein. Zum Festschmaus wohlgemerkt. Zum Sattwerden würde es eine solide und nahrhafte Erbsensuppe tun. Dazu wäre Plastikgeschirr praktisch. Und Papiertischdecken natürlich. Alle würden satt. Der Aufwand wäre gering. Und der Sinn der Sache bestens erfüllt.

Hier aber geht es um Genuss. Um Überfluss. Um Würde. Nicht ums Überleben. Sondern um Leben. Also werden die Tische schön gedeckt und liebevoll geschmückt. Kerzenlicht erhellt den Raum. Ein Büffet wird angerichtet, das nichts zu wünschen übrig lässt. Lauter erlesene Köstlichkeiten und Gaumenfreuden finden sich darauf. Speisen, die zwar auch den Magen füllen, aber besonders der Zunge schmeicheln sollen.

Wer einmal den Glanz gesehen hat, den solcher Genuss auf die Gesichter von Menschen zaubert, die täglich um ihr Überleben kämpfen, der vergisst ihn nicht. Wer einmal gespürt hat, wie eng Genuss und Menschenwürde zusammen gehören, der merkt es sich für immer.

Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist! So werden wir in der Kirche zum Abendmahl eingeladen. Der uns da einlädt, will, dass wir Geschmack am Leben finden. Ob das die Menschen spüren können, wenn wir Abendmahl feiern? Ohne das Sinnvolle und Nützliche, ohne das, was den Magen füllt und satt macht, kommen wir auf die Dauer um. Ohne  das Überflüssige und Glänzende, ohne das, was einfach nur köstlich ist und schön, können wir nicht leben.

Deshalb: Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Das wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen.

Audiobeitrag Die fünf Sinne - Schmecken


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