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Die fünf Sinne - Riechen
Liebe Hörerin, lieber Hörer, unsere Nase merkt sich viel. Manchmal betrete ich ein fremdes Treppenhaus und weiß sofort: Genau so roch es im Flur bei meinen Großeltern.
Bei ihnen habe ich als Kind oft die Ferien verbracht. Schon ist mir das fremde Haus sympathisch. Manchmal erschnuppere ich in einer Menschenmenge ein Parfum, das meine Mutter bei besonderen Gelegenheiten benutzte. Sogleich hat die anonyme Menge etwas Vertrautes für mich. Manchmal steigt mir auf einem Spaziergang ein bestimmter Geruch von Holz und frisch gemähtem Gras in die Nase unwillkürlich versetzt er mich an den kleinen Ort in Kärnten, in dem wir früher häufig Urlaub machten. Mit Freiheit ist dieser Geruch verbunden. Mit Sommer und Sonne. Mit Geborgenheit. Ja, unsere Nase merkt sich viel.
Empfindlich ist sie außerdem. Diesen Typen kann ich einfach nicht riechen! Nicht Viele fallen mir ein, für die das gilt. Aber einige immerhin doch. Sie verbreiten keinen üblen Geruch; sie haben keinen unangenehmen Duft an sich. Es ist nur: Ich mag sie nicht. Ich kann sie nicht leiden. Ohne dass ich dies wirklich begründen könnte. Alles an ihnen reizt mich zum Widerspruch. Mich ärgert, wie sie sich verhalten, wie sie reden, wie sie um Anerkennung buhlen, wie sie sich selbst darstellen, wie sie mich behandeln. Nein, ich kann sie nicht riechen. Will sie am liebsten nicht in meiner Nähe haben.
Leute, die sich mit der Seele auskennen, sagen: Nimm deinen unerklärlichen Widerwillen einmal genauer unter die Lupe. Vielleicht entdeckst du an denen, die du nicht riechen kannst, etwas von dir selbst? Unangenehme Seiten womöglich, die du bei dir nicht wahrhaben willst? Ja, empfindlich ist die Nase.
Riechen weckt Erinnerungen. Und: Riechen hat mit Beziehungen zu tun. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben: Ob wir einander sympathisch finden, ob Liebende sich zueinander hingezogen fühlen, ob Räume und Orte mir angenehm sind, wird wesentlich durch den Geruchssinn entschieden.
Düfte können uns locken, betören und benommen machen. Und: Gerüche können Ekel wecken, abstoßend und widerlich sein. In der Bibel werden die Christen einmal als Gottes Geruch für die Welt bezeichnet. Durch uns verbreitet Gott den Duft seiner Erkenntnis, heißt es da. Auch durch mich sollen andere also einen Riecher dafür bekommen, was Gott mit der Welt und mit uns Menschen vorhat. Wenn mit heute die Kollegin begegnet, der Nachbar, der Postbote, die Verkäuferin: Ob ich bei denen tatsächlich Gottes Geruch verbreite?
Sie werden mir abspüren, ob das ein Geruch des Lebens und der Lebensfreude ist; ein Geruch, der neugierig auf den Tag macht, neugierig auf die Menschen und auf das, was heute vor mir liegt. Sie werden merken, ob der Geruch Hoffnung verbreitet und Lust an den schönen Dingen. Sie werden genau wittern, ob der Geruch wirklich trägt auch wenn es dicke kommt. Jesus hat Gottes Geruch in Reinkultur unter den Menschen verbreitet. Er hat geheilt und aufgerichtet und befreit. Hat getröstet und geholfen und zurecht gebracht. Und uns ein Leben ohne Kärglichkeit verheißen. Ein Leben in Fülle: Üppig und schön.
Ob von diesem Duft des Lebens heute durch Sie etwas unter die Leute gerät? Das wünsche ich Ihnen! Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen.
Die fünf Sinne - Riechen
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