Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.07.11, Superintendentin Annette Kurschus

Die fünf Sinne - Sehen

Wenn Blicke töten könnten ... : Liebe Hörerin, lieber Hörer, manchmal durchzuckt mich dieser Gedanke wie ein spitzer Pfeil. Und ich ahne:

Und ich ahne: Das Augenpaar, das mich da gerade getroffen hat, besitzt vernichtende Kraft. Kühl und abweisend können Augen blicken; streng und prüfend können sie mustern, verächtlich und gering schätzend streifen. Durchbohrend können sie stechen, aggressiv und herausfordernd anspringen. Ganz andere Erfahrungen mache ich auch: ass Blicke mich umgeben wie ein wärmender Mantel. anz und gar gut aufgehoben bin ich darin. Aus strahlenden Augen kommen solche Blicke; liebevoll und wohlmeinend sind sie auf mich gerichtet; sie machen mich größer und schöner und mutiger, als ich selbst mich zu sehen vermag.

Schlimm ist es, wenn Augen übersehen. So tun, als gäbe es mich nicht. An mir vorbei oder durch mich hindurch gleiten, als sei ich ihnen vollkommen gleichgültig. Unsere Augen senden wie kein anderes Sinnesorgan Botschaften aus. Sie empfangen nicht nur optische Reize, sie schenken Ansehen, Würde, Aufmerksamkeit. Sie strafen mit Verachtung, Desinteresse, Bosheit. Und: Sie vergleichen. Ordnen ein. Bewerten.

Ich sehe etwas – und es nicht einfach klein oder groß, hell oder dunkel, blau oder rot. Nein, was ich sehe, ist unwillkürlich größer oder kleiner, unscheinbarer oder reizvoller, blasser oder bunter als erwartet. Ich erblicke einen Menschen – und nehme nicht einfach nur wahr, wie er aussieht. Unwillkürlich halte ich ihn für schöner oder hässlicher; für üppiger oder magerer, für vorteilhafter oder geschmackloser gekleidet. Ich sehe – und schon entsteht ein Urteil. Wie Richter spielen sich meine Augen auf – und halten anderen Menschen einen Spiegel vor.

Ob es Menschen gibt, die Angst haben vor Ihrem Blick? Und ob Sie selbst Augen kennen, deren Blick Sie fürchten? Umgekehrt gibt mein Blick so manches von mir selbst preis. Ja, unsere Augen können Verräter sein. Sie halten nicht nur anderen einen Spiegel vor, sie sind zugleich Spiegel unserer eigenen Wünsche, Fantasien und Sehnsüchte – unserer eigenen Minderwertigkeitsgefühle und Ängste und Konkurrenzgedanken. Wenn Menschen in meine Augen blicken, entdecken sie einiges, was tief in mir sitzt. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an,heißt es in der Bibel.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gut, dass dieser Sichtschutz funktioniert. Auch wenn es viel Kraft kostet, ihn immer aufrecht zu erhalten. Manchmal zu viel. An einer Stelle allerdings  brauche ich den Sichtschutz nicht: Vor Gott. Der weiß, wie mir wirklich ums Herz ist. Und weil er mich mit Liebe ansieht, lauert in seinem Blick keine Gefahr. Mehr noch: Wen Gott ansieht, der wird durch diesen Blick schön. Gottes Augen machen dich zu dem, der du wirklich bist. Sie haben schöpferische Kraft.

Mag sein, heute oder morgen trifft Sie wieder so ein menschlicher Blick, der töten würde, wenn er könnte. Diese menschlichen Augen-Blicke sind durch unser Ansehen bei Gott nicht aus der Welt. Sie treffen. Aber vernichten können sie nicht. Gott sei Dank.

Ich wünsche Ihnen für heute einen Augen-Blick, der Sie mutig macht für den Tag! Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen.

Audiobeitrag Die fünf Sinne - Sehen


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