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Die fünf Sinnen - Hören
Haben Sie schon einmal erlebt, dass jemand ganz Ohr war? Ganz Ohr für Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer: Für Ihre Freude, für Ihren Kummer, für Ihr übersprudelndes Herz,
für Ihre verwundete Seele? Hin und wieder ist mir das schon widerfahren, und die Erinnerung daran halte ich fest wie einen kostbaren Schatz. Denn es geschieht nicht oft. Manchmal habe ich geredet wie ein Wasserfall; manchmal hilflos gestottert; manchmal geweint oder geschwiegen. Und da war jemand ganz Ohr. Ich bin ganz Ohr das meint: Ich höre genau hin; ich höre wirklich zu. Ich schenke dir meine ganze Aufmerksamkeit; nichts und niemand sonst ist jetzt wichtiger. Mich interessiert, was du auf dem Herzen hast; alles andere kann im Moment warten. Wenn jemand ganz Ohr für mich ist, dann macht er mir damit ein großes Geschenk.
Wir können nämlich auch meisterlich hören, ohne wirklich zuzuhören. Wissenschaftler sagen, das Gehör sei unter allen fünf Sinnen der am stärksten beschäftigte. Die Augen können wir schließen, die Nase können wir uns zuhalten, Schmecken und Tasten können wir vermeiden aber das Hören hört nicht auf. Selbst dann nicht, wenn wir schlafen. Vieles hören wir unbewusst, es strömt einfach so auf unsere Ohren ein. Wenn Sie allein den heutigen Morgen nehmen: Was ist seit dem Aufwachen schon alles an Ihr Ohr gedrungen? Welche Geräusche, welche Stimmen, welche Klänge, welche angenehmen und welche hässlichen Laute?
Wie viel davon haben Sie wirklich gehört? Und: Sind Sie jetzt ganz Ohr? Bemerkenswert ist: Menschen, die gar nicht oder nur schlecht hören können, haben in der Regel auch mit dem Sprechen Schwierigkeiten. Dieses sinnliche Phänomen deutet auf eine tiefe Lebensweisheit: Ich muss erst aufnehmen, um weiterzugeben. Ich bin darauf angewiesen zu empfangen, bevor ich etwas von mir geben kann. Das Gehör zeigt uns wie kein anderer Sinn: Wir existieren nicht aus uns selbst. Ich bin, was ich bin, zuallererst durch das, was ich aufnehme und empfange. Das Leben wurde mir gegeben; mein Wesen auch; Liebe wird mir geschenkt; die Luft zum Atmen, die Erde mit ihrer Schönheit all das kommt mir unverdient zu. Das meiste empfange ich unbewusst als sei es selbstverständlich da. So wie von morgens bis abends Geräusche und Stimmen und allerlei Laute an meine Ohren dringen.
Ich bin ganz Ohr: Für den heutigen Tag könnte dies eine Haltung sein, die uns aufmerksam macht. Aufmerksam für alles, was ich bis zum Abend scheinbar so selbstverständlich empfange. Aufmerksam für das eine überraschende Wort, das wirklich mich meint. Aufmerksam für den einen Menschen, der braucht, dass ich zuhöre. Aufmerksam für die schönen Klänge und die liebevollen Töne, die Gott heute für mich bestimmt hat. Schließlich kann ich selbst nicht sein ohne die Aufmerksamkeit anderer. Ich kann auf Dauer nicht leben ohne jemanden, der oder die ganz Ohr ist für mich. Der Glaube kommt aus dem Hören, heißt es in der Bibel. Gott lässt sich vernehmen in dieser Welt. Er redet zu uns oft auf ganz unerwartete, verblüffende Weise. Meistens durch andere Menschen. Und: Gott seinerseits ist ganz Ohr für alle, die zu ihm reden. Auch wenn wir bloß stammeln, klagen, seufzen oder gar keine Worte finden ... Gott ist ganz Ohr für Sie. Bleien Sie heute wenigstens ein paar Minuten ganz Ohr vielleicht für einen einzigen Menschen nur? Das wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen
Die fünf Sinnen - Hören
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