Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.07.11, Daniel Schneider

schwarzes und weißes Feuer

Es lohnt sich, zwischendurch auch mal zwischen den Zeilen zu lesen, sagte mir eine kluge Person vor einiger Zeit. Wir unterhalten uns über die Bibel.

Wie soll ich da zwischen den Zeilen lesen, bitteschön? war meine Frage. Gottes Wort? Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder das raus liest, was er meint raus lesen zu müssen.

Falsche Fährte, meint mein Gegenüber daraufhin. Die jüdischen Gelehrten der damaligen Zeit haben mit einer Tradition begonnen. Und zwar haben sie zwischen dem schwarzen Feuer und dem weißen Feuer in der Bibel unterschieden. Das schwarze Feuer, dass sind die Buchstaben, die in der Bibel stehen. Das sind die einzelnen Wörter, die Geschichten, die niemals verbrennen. Die sind unverrückbar. Sie können verstanden und auch missverstanden werden, aber sie stehen da. Buchstäblich. Das Christentum ist eine Buchreligion.´

Dann gibt’s aber noch das weiße Feuer. Das brennt in den Zwischenräumen. In dem, was nicht mit überliefert, was ausgespart worden ist. Dieses weiße Feuer entsteht in den Köpfen des Bibellesers. Ganz automatisch eigentlich. Die Bibel ist zwar voller Erzählungen, aber doch ziemlich komprimiert. Wenn ich zum Beispiel lese, dass Jesus seine ersten Jünger beruft. Also sie sollen ihre Berufe als Fischer aufgeben und mit ihm umherziehen und von ihm lernen. Und am Ende der Passage steht in der Bibel einfach: Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. Da denke ich doch sofort: Was? Kann doch nicht sein? Ohne mit der Wimper zu zucken, sollen sie ihm hinterher gelaufen sein? Und was haben die Frauen gesagt? Wovon sollen die leben? Die kannten Jesus doch gar nicht! Haben die nicht gezweifelt? Ich kann es mir nicht vorstellen!
Oder bei Mose, dem großen Befreier Israels. Seine erste Begegnung mit Gott ist ja relativ ungewöhnlich abgelaufen. Er hütet die Schafe, da brennt auf einmal ein Dornbusch. Der brennt und brennt, obwohl er längst hätte verbrennen müssen. Tut er aber nicht. Und als sich Mose das näher anguckt, steht in der Bibel: Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich!

Da lodert das weiße Feuer in meiner Fantasie sehr hoch. So unbeteiligt, wie es da steht, war Mose bestimmt nicht. Erstmal hat er sich vielleicht ordentlich erschrocken und ist noch mal ein bis fünf Meter zurück gewichen. Irgendwann hat er allen Mut zusammen genommen und mit brüchiger Stimme  ein “Hier bin ich” gestammelt.
Dieses “schwarze und weiße Feuer” - Tradition hilft mir, die biblischen Gestalten auf meine Ebene zu holen. Runter von dem hohen Sockel. Die großen Glaubenshelden haben doch etwas mit meinem einfachen Leben zu tun. In der Bibel ist von Menschen die Rede. Menschen mit ganz normalen Gefühlen, Ängsten und Zweifeln. Und genau mit solchen Leuten hat Gott Geschichte geschrieben.

Die Texte aus der Bibel haben etwas mit meinem Leben zu tun. Sie sollen mir etwas sagen. Da komme ich mit einer objektiven Sichtweise nicht weiter. Da muss ich die Geschichten an mich ranlassen. Und da möchte ich auch mal weiter spinnen: Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten? Wenn Jesus mich am Schreibtisch besuchen würde: Du, pass mal auf. Folge mir nach! Oder wenn ich mitten in freier Wildbahn einen sprechenden Dornbusch entdecken würde? Klar kann ich sagen: Alles Quatsch! Märchen! Aber ich möchte die Bibel ernst nehmen ohne naiv zu sein! Und wenn ich anfange, das weiße Feuer zu entdecken, werden auch die Flammen des schwarze Feuers, also die Buchstaben, die wirklich dort stehen, viel bedeutender für mich.  Ich bin sehr dankbar für diese alte jüdische Tradition.

Audiobeitrag schwarzes und weißes Feuer


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