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Das unsre Sinnen wir noch brauchen können...
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Bei uns zu Hause fing jeder Geburtstag mit einem Choral an.
Am frühen Morgen, noch vor dem Auspacken der Geschenke, wurde gemeinsam geschmettert: Lobet den Herren, alle, die ihn ehren ... . Als Kind liebte ich besonders die dritte Strophe:
Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren!
Dass unsre Sinne wir noch brauchen können ... . Ich ahnte schon früh: Hier ist Staunen im Spiel. Und Dankbarkeit. Selbstverständlich ist es schließlich nicht, dass meine fünf Sinne funktionieren. Dass ich sehe und höre; dass ich schmecken kann und riechen und fühlen. Obendrein noch greifen und laufen und reden. Vielen Menschen ist das nicht vergönnt. Wenn Sie sich entscheiden müssten, entweder blind zu sein oder taub was würden Sie wählen? Auf welchen der Sinne könnten Sie leichter verzichten? Auf das Sehen oder auf das Hören? Oder doch eher auf das Riechen? Stellen Sie sich vor: Nie mehr ein Buch lesen; nie mehr Farben unterscheiden oder schöne Landschaften betrachten; nie mehr das Gesicht des Menschen sehen, den ich liebe. Oder: Nie mehr Musik hören; nie mehr die Stimmen, die mir vertraut sind; nie mehr lauschen, wie das Meer rauscht, wie der Regen prasselt, wie eine Quelle plätschert. Oder: Nie mehr den Frühling riechen; nie mehr schnuppern, wie frisch gemähtes Gras duftet, wie ein verheißungsvoller Geruch aus der Küche strömt, wie mich der Hauch eines reizvollen Parfums streift. Oder: Nie mehr ein köstliches Essen schmecken und erraten, welche Zutaten und Gewürze verwendet wurden; nie mehr etwas genüsslich auf der Zunge zergehen lassen.
Oder: Nie mehr tasten, wie weich Haut sein kann, wie flauschig ein Fell, wie warm ein Stein, den die Sonne lange beschienen hat und wie erfrischend ein kühler Wasserstrahl.
Was können Sie sich am ehesten vorstellen? Was würden Sie zur Not am leichtesten entbehren? Absurde Fragen. Schon als Kinder haben wir einander damit gequält. Und immer wieder kamen wir zu demselben Schluss: Du kannst diese Fragen nicht beantworten. Es ist unmöglich, einen Sinn gegen den anderen auszuspielen. Es ist ein Geschenk, wenn wir alle fünf Sinne gebrauchen können. Wer auch nur einen einzigen entbehren muss, weiß, wie kostbar jeder von ihnen ist. Unsere Sinne bringen uns in Verbindung mit der Welt, in der wir leben und mit den Menschen, die um uns sind. Über unsere Sinne nehmen wir wahr, was ist. Die Sinne helfen uns, das Leben in seiner Vielfalt zu erkunden. Sie lassen uns genießen, was üppig ist und schön und sie machen uns empfindsam für Mangel und Kärglichkeit. Unsere Sinne machen auch den Glauben an Gott lebendig: Sie schenken ihm Klänge und Farben, Geruch und Geschmack und etwas zum Anfassen. Vielleicht ist der Glaube an den Schöpfer unserer Sinne eine Art sechster Sinn, der das Leben erst ganz macht? Fünf weitere Tage hat diese Woche noch. Hören, sehen, riechen, schmecken, tasten - einen Tag für jeden Sinn. Und der sechste Sinn immer mit dabei. Morgen geht´s weiter. Womit? Nun, das werden Sie hören ...
Behalten Sie heute Ihre fünf Sinne beieinander! Wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Annette Kurschus, Superintendentin in Siegen.
Das unsre Sinnen wir noch brauchen können...
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