Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.07.11; Pastor Rainer Mittwollen

Reif für eine Atempause?

Atempause! Sind Sie reif dafür? In Nordrheinwestfalen haben die Sommerferien begonnen – viele haben sich lange danach gesehnt! Endlich Urlaub machen!

Endlich zur Ruhe kommen! Endlich entspannen, die Seele baumeln lassen und wieder zu Atem kommen! „Chillen“ nennen einige das auch – abkühlen nach all der Hektik und Hitze des Alltags. Brauchen Sie dafür einen Ortswechsel, oder gelingt Ihnen das auch zuhause? Vielen ist wichtig, dass sie mindestens in eine andere Gangart kommen, um wieder Luft zu kriegen. Andere brauchen tatsächlich auch eine Luftveränderung. Vielleicht Bergluft? Oder lieber eine frische Meeresbrise? Für mich fängt der Urlaub an, wenn ich mich ins Kanu setze und vom Land abstoße. Ich lasse die alten Bewegungsmuster – den Alltagtrott und alle Hetze hinter mir.  Nur ein paar Paddelschläge brauche ich – und dann kann ich  gleiten! Das ist jedes Mal ein Aufatmen! Eine Befreiung! Klappt leider nicht bei jedem und nicht immer.

Da hat einer unbedingt abschalten wollen – und dann doch das Handy angelassen. Und dann kommt er natürlich mitten im Urlaub – der Anruf mit der Brandmeldung: „Du musst unbedingt zurückkommen – nur für zwei, drei Tage – hier geht alles drunter und drüber!“ Und dann erklär das mal deiner Familie, die sich so auf die gemeinsame Zeit mit dir gefreut hat! Dann sorg mal für gute Stimmung für die „zwei, drei (oder doch mehr?) Tage, die sie nun ohne dich auskommen müssen. Und dann krieg mal deine eigene Wut in den Griff, dass du wieder gemeint hast, du musst doch erreichbar sein – für alle Fälle.

Da hat eine Familie  unbedingt mal eine Auszeit nehmen wollen. Die letzten Monate waren so hektisch – man hat sich kaum zu sehen gekriegt, kaum Zeit gehabt, um mit einander zu sprechen. Das soll jetzt anders sein – jetzt ist Zeit, jetzt ist Muße. Aber dann hat wohl einer ein falsches Wort gesagt oder eine hat einen merkwürdigen Unterton gehabt – vielleicht war es auch einfach nur ein Missverständnis – man hat sich ja schon so lange nicht mehr richtig ausgesprochen – und schon ist die gute Stimmung dahin! Dunkle Wolken ziehen auf und Ton wird schärfer. Es dauert nicht lange – und ein handfester Streit hat sich entwickelt. Ein Wort gibt das andere, es wird laut und es wird schrill. Und am Ende hat man sich so verkracht, dass man nicht weiß, wie man die beiden Urlaubswochen bloß noch gemeinsam überstehen soll!

Da hat sich eine gefreut auf ihren Ruhestand. Das ganze Berufsleben lang ist sie immer voll da gewesen. Fleißig, zuverlässig, pflichtbewusst! Überstunden waren kein Thema, für die Kollegen einspringen Ehrensache. Und wenn der Chef noch eine Aufgabe und noch eine spezielle Herausforderung hatte, die sonst keine so gut erfüllen konnte – dann hat es ja auch irgendwie geschmeichelt, dass sie so gebraucht wurde. Aber jetzt soll ein neuer Lebensabschnitt kommen! Sie hat genug gearbeitet – genug geschafft! Jetzt ist sie selber dran! Aufatmen – frei sein! Aber dann hat ihr Arzt nach der letzten Untersuchung tief Luft geholt und gesagt: Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie! Und dann ist alles dunkel geworden!

Und dann ist nichts mit Ruhe und Erholung! Dann herrscht Katastrophenalarm!

Musik 1

Katastrophenalarm herrschte auch bei den Jüngern. Siehatten einen anstrengenden Tag mit Jesus und den vielen Hilfesuchenden hinter sich. Jetzt sind mit ihrem Meister in ein Boot gestiegen und raus auf den See gefahren. Sie wollten sich wenigstens ein bisschen erholen Sie waren ja ganz unvermutet in eine Geschichte hinein geraten, die sie wie ein Strudel mitriss. Das Markusevangelium, das uns diese Geschichte berichtet, erzählt geradezu atemlos. Alles geschieht ‚plötzlich‘ oder ‚alsbald‘. Die Jesusgeschichte drängt mit großem Tempo vorwärts: Kaum sind die Jünger von Jesus zum Mitgehen gerufen worden, da müssen sie schon alles Gewohnte hinter sich lassen. Die Ereignisse stürmen auf sie ein: Sie werden zu Zeugen von Wundern und sie werden in schwere Streitgespräche verwickelt. Sie werden bedrängt von begeisterten Menschen – und sie müssen sich auseinandersetzen mit bösen Geistern, die die Menschen quälen. Und was Jesus da predigt über das Reich Gottes – das stellt alles auf den Kopf, was ihnen bisher vertraut war.

Kein Wunder, dass ihnen schon bald die Köpfe rauchen. Kein Wunder, dass sie schon bald eine Pause nötig haben, um sich zu sortieren. Eine Fahrt mit dem Boot scheint die Gelegenheit zu sein. Eine Überfahrt, bei der sie erst einmal hinter sich lassen können, was sie so in Beschlag genommen hat. Sie müssen nichts erreichen, bei dieser Überfahrt. Ein Fischfang ist nicht nötig. Es gib keinen Erfolgsdruck. Sie dürfen einfach Atem schöpfen und sich gleiten lassen.

Und dann passiert das, was man am allerwenigsten gebrauchen kann, wenn man Erholung sucht. Statt der Stille kommt der Sturm! Statt der Ruhe kommt die Katastrophe! „Es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde!“ Und mit dem Wetter schlägt auch die Stimmung um! Statt Entspannung herrscht Chaos und Panik! Es wird gerudert und gebrüllt und die Nerven liegen blank!

Gleichnisse – Beispielgeschichten hatte Jesus erzählt bevor sie mit dem Boot abgelegt hatten. Nun wird ihre Bootsfahrt selbst zu einem überaus bewegten Gleichnis: Wie sie sich wehren gegen den Sturm. Wie sie verzweifeln über ihre Hilflosigkeit. Wie sie aus Leibeskräften rudern und doch schier untergehen.

Die Luft reicht nur noch für einen Schrei: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen!?“

Die Bibel erzählt uns, Jesus habe im Boot gelegen und geschlafen – mitten im Sturm. Eine seltsame Vorstellung! Was mich viel mehr wundert, ist: Erst jetzt, erst als sie am Ende ihrer Kraft sind, wenden sie sich an Jesus. Er war die ganze Zeit mit im Boot. Die ganze Zeit war er ihnen nahe. Aber mit der Katastrophe wollten sie allein fertig werden. Sie sind gar nicht auf die Idee gekommen, es anders zu machen. Sie haben sich ins Zeug gelegt – mit aller Kraft – bis zur Verzweiflung! „Wir müssen das Runder herumwerfen!“ „Wir müssen den Kopf über Wasser behalten!“ „Wir müssen uns retten!“

Erst als alles verloren scheint, kommt dieser Verzweiflungsruf, dieser verzweifelte Vorwurf an Jesus: „Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“

Ja, fragt er nichts danach?Verschläft er unsere Katastrophen?

Die Geschichte gibt keine Antwort darauf. Offensichtlich ist aber: Erst als gar nichts mehr geht, erst als die Jünger untergehen, da fragen diese Menschen nach Jesus. Erst als ihnen die Luft ausgeht und die Panik übergroß wird, denken sie überhaupt an ihn und sehen, dass er ja auch im Boot ist. Er war die ganze Zeit da – aber erst jetzt kommt er ins Spiel. Vorher mussten seine Jünger alles reißen – mussten alles selber machen. Für ihn hatten sie gar keine Augen.

Für mich ist dieses Bild, wie Jesus dann Sturm und Wellen bedroht und das aufgewühlte Meer anherrscht: „schweig und verstumme!“ ein unglaublich starker Anblick! Ein Wunder, für das ich gar keine Worte habe! Und doch betont es die Bibel an vielen Stellen: Jesus steht darüber – über den Stürmen unseres Lebens, über den Katastrophen, die uns erschüttern, über den Wellen, in denen wir unterzugehen drohen. „Wind und Meer sind ihm gehorsam!“

Offensichtlich aber gehört zu diesem Wunder dazu, dass ich aufhöre zu rudern und mich an Jesus wende! Ob ich es vertrauensvoll oder vorwurfsvoll oder einfach nur verzweifelt tue  – das ist egal. Aber dass ich mich an ihn wende – dass ich ihn „ranlasse“ an meine Katastrophen, dass ich ihn zu Wort kommen lasse – das ist wichtig! Ich kann nicht verhindern, dass es zu Katastrophen kommt in meinem Leben. Und an manchen Katastrophen bin ich wohl auch selber schuld. Aber ich muss darin nicht untergehen! Denn Jesus, der Gottessohn, ist längst da und kann mir helfen.

Dafür steht diese Geschichte. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 18.09.2011 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Auferstehungskirche in Dehme gesendet. Die Predigt hält Präses Alfred Buß.


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