Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.07.11, Pfarrer Michael Opitz

„Eine gepflegte Liebe“

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf. Es gibt Menschen, die einen spontan beeindrucken.

 So ging es mir mit einem Ehepaar, das ich vor einiger Zeit bei einer Feier kennen gelernt habe.

MUSIK: Blumfeld, „Tausend Tränen tief“ / LC 05661

Die beiden sitzen am Nebentisch. Die Hände faltig, die Haut bei beiden schon altersfleckig, in die Gesichter Spuren des Lebens eingegraben. Aber wie sie da sitzen – innig ins Gespräch vertieft. Die Hände ineinander verschlungen. Sie könnten auch ein junges Paar sein – so wie sie sich zueinander verhalten. Sie flüstern sich verstohlen Worte zu. Dann lachen sie. Plötzlich heben beide den Kopf. "Hör mal!", sagt der Mann, "Sie spielen unser Lied." Die beiden erheben sich und gehen zur Tanzfläche. Dann beginnen sie langsam zur Musik des alten Schlagers zu tanzen.Aneinandergeschmiegt, zufrieden. Ein Bild eines bewahrten Vertrauens und immer noch glutschimmernder Liebe.

Es gibt in der Bibel einen Text über die Liebe – der ist auch ein alter Schlager. Ein echter Schlager des Glaubens. Ein biblischer „Evergreen“… Oft gehört. Und immer wieder gern gehört.

SPRECHER/IN : 4 Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. 5 Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vor-teil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. 6 Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. 7 Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. 8 Die Liebe vergeht niemals…9 Was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen…10 Eines Tages aber wird das sichtbar werden, was voll-kommen ist. Dann wird alles Unvollkommene ein Ende haben… 12 Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Ange-sicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.

MUSIK: Chris Botti, „To Love Again“ / LC 00162

Autor: Große Worte sind das. Und bewegende. Wer sie hört, horcht auf. Denn die Sehnsucht nach Liebe ist eine Sehnsucht, die ganz tief in uns allen  steckt. Große Worte.

So groß fast, dass wir vielleicht jetzt schon aufhören möchten und verstummen. Ist nicht schon genug gesagt worden über dieses "Hohelied der Liebe"?

Andererseits: Müssen wir nicht gerade über die Liebe immer wieder reden? Ist das nicht in vielen Beziehungen der Tod, dass über die Liebe geschwiegen wird? Dass wir keine Worte mehr über die Liebe und für den Liebsten oder die Liebste finden? Die Liebe will zu Wort kommen. Wie anders sieht die Welt aus, wenn ich zu hören bekomme: "Ich liebe Dich". Da entsteht etwas Neues. 

Schön, dass auch Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth Worte für die Liebe findet! Und wer Paulus kennt, der weiß, dass er seinen Beitrag wohl weniger als einen poetischen Entwurf sondern vielmehr als handfeste Anleitung für den Alltag versteht. Das wird klar, wenn wir fragen, wem Paulus denn sein Liebeslied gewidmet hat. Denn in der Gemeinde in Korinth gibt es Krach. Allzu selbstverliebt sind die Menschen dort. Stolz auf sich. Und anstatt sich zu ergänzen, spielen sich die Menschen gegenseitig aus. Das "Ich, ich" ist groß geworden in Korinth. Da kann nichts Gutes draus wachsen. Schon gar nicht die zarte Pflanze der Liebe.

MUSIK: Adele, „Make You Feel My Love“ / LC 05667

Eine andere Erinnerung: Ein Paar hat mich eingeladen. Wir wollen die Goldene Hochzeit be-sprechen. Der Mann redet jetzt schon geschlagene zwei Stunden. Er ist bekannt im Stadtteil.
Er hat was vorzuweisen. Und viel zu erzählen. Seine Frau sitzt daneben und schweigt. "Was ist mit Ihnen?", spreche ich sie irgendwann an, "was möchten Sie erzählen?" Die Frau setzt an und zögert mit einem Blick auf ihren Mann. "Ach, wissen Sie", sagt sie, "von mir gibt es nicht viel zu erzählen. Ich war ja all die Jahre zu Hause." "Sie hat ja mich!", ruft ihr Mann dazwischen und freut sich lachend über seine Bemerkung. "Jetzt habe ich viel über Sie und wenig über Ihre Frau gehört. Und was ist mit Ihnen beiden?", frage ich, "was verbindet  Sie beide nach all den Jahren noch?"
Betretenes Schweigen.

Die Liebe kann man nicht einfrieren und konservieren. Auch, dass man es lange miteinander ausgehalten hat, ist keine Gewähr dafür, dass da noch Liebe ist. Die Liebe kann sich aufbrauchen.
Man muss sie pflegen. Sonst ist sie weg.

Denkt daran, mahnt Paulus uns und die Korinther. Kümmert Euch um Eure Liebe. Lasst anderes beiseite. Investiert Zeit, Kraft und Gefühl. Denn ohne Liebe ist alles nichts.

MUSIK: Adele, „Make You Feel My Love“ / LC 05667

Die Liebe ist geduldig und freundlich, sagt Paulus. Daran bin ich schon oft hängen geblieben.
Das klingt mir eigentlich viel zu höflich und distanziert. Es ist nicht leicht, Geduld zu haben.
Ich habe sie leider nicht so oft, wie ich sie gern hätte. Und ich möchte auch keinen Menschen, der nur freundlich zu mir ist.  Freundlich ist auch die Kassiererin im Supermarkt, die mir „noch einen schönen Tag“ wünscht. Vielleicht, weil sie mich mag. Oder einfach nur, weil der Kunde König ist.

Ich möchte keinen Menschen, der immer freundlich zu mir ist. Ich möchte einen Freund. Vielleicht sollte man anders übersetzen: Die Liebe ist zu etwas zu gebrauchen. Wie ein Freund. Denn ein Freund ist eine Lebensversicherung. Er ist da, wenn ich ihn brauche. Er setzt sich für mich ein.
Wenn es sein muss, fängt er mich auf. Und er hat einen langen Atem mit mir.

Das alte Paar auf der Feier scheint auch das gefunden zu haben – inmitten ihrer Liebe: freundschaft-liche Verbundenheit. Und sie tanzen schön und so vertraut. Irgendwann sage ich den beiden, dass sie ein schönes Paar sind. 

SPRECHERIN: "Ach, Danke für das Kompliment,“

Autor: …sagt die Frau.

SPRECHERIN: „ Aber machen Sie es sich da mal nicht zu leicht. Es war nicht alles einfach. Manchmal mussten wir uns ganz schön zusammenraufen. Das ist wie beim Tanzen. Man muss das miteinander üben. Und tritt sich auch mal auf die Füße. Aber wenn man dann einen gemeinsamen Rhythmus gefunden hat, dann denkt man nicht mehr nach. Dann ist man eins. Man fühlt sich ge-halten. Das sind die schönsten Momente im Leben."

Autor: Die beiden drehen noch eine Runde auf der Tanzfläche. Und während sie weitertanzen, den-ke ich über ihre Worte nach. Die Liebe muss man üben. Immer wieder. Kann man aber auch.
Denn sie hat es verdient. Sie schafft etwas Neues. Ein Einssein, das wir nicht festhalten können, aber das hält und trägt. Ich blicke auf das tanzende alte Paar. Wie respektvoll die beiden mit-einander umgehen. Der andere ist auch nach all den Jahren noch ein besonderer Mensch. Das ist ein Geschenk und kein Verdienst.

MUSIK: Chris Botti feat. M. Bublé, „Let There Be Love“ / LC 00162

Natürlich, manches geht schief in unseren Beziehungen. Man kriegt sich mit seiner Frau in die Haare um irgendwelchen Unsinn, um ein Kinkerlitzchen. Blöd, wenn das mitten in der Woche um 23 Uhr geschieht. Oder wir enttäuschen Menschen, die uns lieben. Wir tun und lassen oft nicht das, was der Liebe dient. Aber wenn wir es schaffen, ehrlich zu sein, dann können wir das ertragen. Die Liebe macht zur Wahrheit frei. Ehrlich miteinander sein – bekanntlich eine der wichtigsten Zutaten der Liebe. Aus einem ehrlichen Gespräch heraus kann ich eine Krise meistern. Wenn ich weiß: Ich darf das sagen, was ich wirklich meine und nicht nur das, was man von mir erwartet – dann kann ich mich öffnen.

Meine beiden alten Tänzer kehren an den Tisch zurück. "Schön, wenn man einen Menschen ge-funden hat, mit dem man durch das Leben tanzen kann.", sage ich.

SPRECHERIN: "Ja,".

Autor: sagt die Frau und drückt ihrem Mann die Hand.

SPRECHERIN: "Schauen sie uns an. Die Liebe ist das, was uns bleibt. Wir sind doch ein Stück Vergänglichkeit. Es klappert hier und da. Wir haben so viel erlebt. So viel durchgemacht. Aber die Liebe bleibt. Sie ist immer mitgegangen."

Autor: Ja. Paulus hat das schon richtig gesehen mit der Liebe. Manches bleibt hier Stückwerk. Wir erkennen hier immer nur ein paar Schritte voraus, aber nicht den ganzen Weg. So vieles verändert und wandelt sich. Und unsere Liebe bekommt auch Beulen und Schrammen. Aber sie ist die Kraft, die bleibt. Die antreibt und verwandelt. Hier ist es Stückwerk. Aber ich liebe mich in das Vollkommene hinein. Vollkommen wird es sein, wenn wir ganz bei Gott sind. Wenn seine Liebe uns umhüllt. Dann werden alle Hüllen fallen. Dann können wir uns selbst so ins Angesicht sehen, wie wir wirklich sind.

Und dies Vollkommene ist schon jetzt bei uns. Denn Gott ist die Liebe. Er ist der Urgrund. In der Liebe erfahren wir den Urgrund des Lebens. Gott selbst. Selbst in unserer manchmal verbeulten, sprachlosen oder müden Liebe. In beglückenden und auch in komplizierten Beziehungen.

SPRECHER/IN: „Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.“

Autor: "Hörst Du?", flüstert Gott uns ins Ohr. "Sie spielen unser Lied!" Und er nimmt unsere Hand und führt uns zur Tanzfläche. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag – Ihr Michael Opitz von der evangelischen Kirche.

MUSIK: Chris Botti feat. M. Bublé, „Let There Be Love“ / LC 00162

Audiobeitrag „Eine gepflegte Liebe“


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen