Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.07.11, Pfarrer Gerd Höft

Würgeengel

Sprecherin: Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz:

ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Autor: Harte Kost schon am frühen Morgen, ich weiß. Rainer  Maria Rilke ist der Verfasser dieses Gedichtes. Weil es aber etwas Wichtiges und Interessantes über Engel sagt, dachte ich, das könnte ich Ihnen zumuten. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Tag drei der Engelwoche. Und erst einmal Schluss mit lustig.

Zu den Zeiten, da Gott noch Gott und nicht der liebe Gott war, waren auch die Engel noch von anderem Kaliber. Sie überbrachten nicht nur Botschaften, sie vollstreckten sie auch. Und ihr Name stand dann für die Tat. Sie konnten dann sogar Verderber oder Würgeengel (hammaschit) heißen. (vgl auch 2. Sam. 24,16) Von einem solchen erzählt die Bibel.

Das Volk Israel war in Ägypten gefangen. Das ist runde 3000 Jahre her. Der Pharao wollte auf die billigen Arbeitskräfte nicht verzichten und verweigerte den Auszug. Mose war von Gott beauftragt, diesen Auszug in die Freiheit sicherzustellen. Der Pharao wurde bockig. Die Bibelkenner unter ihnen kennen die Geschichte. Es folgen die 10 Plagen, mit denen Gott die Ägypter straft. Die letzte ist besonders schlimm. Gott lässt alle Erstgeborenen der Ägypter umbringen. Dieses gruselige Geschäft besorgt für ihn der Würgeengel. Der Pharao gibt sich geschlagen und Israel darf in das gelobte Land ziehen. Eine alte, schreckliche Geschichte und nicht so gut für unsere Wohlfühlgesellschaft geeignet. Engel, die Kinder erwürgen und dann auch noch in Gottes Auftrag. Kein schöner Gedanke.

Nun gut, wir Heutige können uns ja in dieser Sache behelfen: Das war der Gott des Alten Testamentes. Der Gott , den Jesus Christus uns vor Augen gestellt hat und den wir „abba“ nennen dürfen, was soviel wie „lieber Papa“ heißt, dieser Gott würde so etwas natürlich nicht tun und der schickt auch keine Würgeengel mehr los. Aber den Gedanken sollten wir doch festhalten: jeder Engel bringt etwas von der Macht, der Größe und der Erhabenheit Gottes mit. Und wenn Rilke sagt: „Ein jeder Engel ist schrecklich“, dann weißt er uns darauf hin. Auf den heilsamen Schrecken, den eine wirklich Begegnung mit dem Göttlichen hat und haben muss. Wir reden immerhin von Gott und den Boten aus seiner unmittelbaren Umgebung. Und wir reden von einer Gottesbotschaft, die sicher mehr ist als ein freundlicher Aufruf in der Art von: „Seid nett zueinander“. Wenn Gott seine schrecklich-schönen Engel losschickt, dann ist die Zeit der bloßen Unverbindlichkeit vorbei. Es nutzt auch nichts dem Gottesboten und seiner Botschaft entgegenzurufen: „Annahme verweigert“. Sie werden unsere Verweigerungshaltung einfach wegwischen und wir können froh sein, wenn uns Gottes schrecklich-schöne Engel nicht ans Herz nehmen, denn dann müssten wir vergehen vor ihrem stärkeren Dasein.

Da können wir uns nur an Maria, der Mutter Jesu, orientieren und an ihrer Haltung, als der Engel Gottes ihr eine Schwangerschaft ankündigte. Mit Furcht und Zittern und in aller Demut antwortete sie: Mir geschehe, wie du gesagt hast – Und das muss auch unsere Haltung sein, und so Gottes Engel bitten: verschmähe gelassen, mich zu zerstören.

Sprecherin:
Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das  Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie vor schrecklichen Engeln verschont bleiben. Ihr Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf

Audiobeitrag Würgeengel


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