Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.07.11, Pfarrer Jochen Müller

Freiheit

Heute in einer Woche gibt es Schulferien. Die großen Ferien. Ich erinnere mich auch 25 Jahr später noch an das beglückende Gefühl des ersten Ferientags. Endlich frei.

Keine Verpflichtung mehr. Nicht mehr früh aufstehen. Keine Hausaufgaben. Sechs Wochen ohne Schule und Termine. Der erste Ferientag war das größte. Als läge das ganze Leben vor mir wie eine große weite Ebene, durch die ich einfach so spazieren könnte. Noch heute freue ich mich wie ein kleines Kind, wenn ich in den Urlaub gehe, meinen Anrufbeantworter umschalte, meine Vertretung geregelt weiß und mich ganz auf meine Freizeit konzentrieren kann. Freie Zeit. So frei – so schießt es mir dann manchmal durch den Kopf – so frei müsstest du eigentlich immer sein. Frei und nicht festgelegt, auf das, was andere und ich selber von mir erwarten. 

 „Ich bin so frei“ sage ich und greife schon morgens beim Empfang zum angebotenen Sekt. Eigentlich tue ich das ja nicht, aber in diesem besonderen Fall gelten meine eigenen Grenzen nicht und ich fühle mich frei und wie ein bisschen verrucht. „Ich bin so frei“ fühle ich, wenn die Kinder bei Oma übernachten und ich mit meiner Frau einen Abend oder sogar ein Wochenende zu zweit verbringen kann. „Ich bin so frei“ schießt es mir durch den Kopf, wenn ein Termin nicht eingehalten werden muss und sich eine unerwartete Lücke im Kalender ergibt.

Paulus schreibt den Christen ins Stammbuch: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5,1) Einen Hauch von dieser Freiheit erleben viele von uns noch darin, dass sie sonntags nicht zur Arbeit müssen. Dass es ein Wochenende gibt, das heute vor uns liegt. Dass wir Anspruch auf ausreichend Urlaub haben. Aus den USA hörte ich jetzt, dass es dort durchaus üblich sei nur fünf bis zehn Tage Urlaub im Jahr zu haben.  und dass es nicht wenige Amerikaner gäbe, die sich diesen Urlaub auch noch auszahlen lassen. Ich bin dankbar, dass es bei uns da noch eine andere Kultur gibt. Denn ich glaube, dass der Hauch von Freiheit für unsere Seelen überlebenswichtig ist. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5,1) Dieses großartige Gefühl: alles ist möglich, jedenfalls für eine Zeit lang. Aussteigen aus dem täglichen Einerlei. Aussteigen aus der Routine. Weil wir als Christen zur Freiheit berufen sind. Und das auch mitten in unserem Alltag.

Einen freien Tag in der Woche einhalten, an dem ich nicht über meine Arbeit nachdenke oder ihr nachgehe. Freie Zeit im Tagesverlauf wahrnehmen und genießen. Mittags um 12, wenn mancherorts noch die Glocken läuten, einfach kurz aussteigen aus Gedanken und Arbeit und Gott für die Freiheit des Lebens danken. Die zwei Minuten, die nehm ich mir. Ich bin so frei. Und wo fängt Ihre Freiheit an? Heute?

Audiobeitrag Freiheit


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