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Rechthaben-Müssen
Ich halte einen Glückskeks in der Hand. Da steht doch tatsächlich auf der Verpackung: Für Kinder unter 3 Jahren nicht geeignet
Als Vater kleiner Kinder bin ich längst an diese Warnung gewöhnt. Gut, denke ich, die Kinder müssen ja vielleicht auch noch nichts Süßes essen. Und vielleicht besteht ja auch die Gefahr, dass die Kleinen direkt in die Folie beißen. Kann ich noch verstehen. Doch dann steht auf meiner Glückskeksverpackung weiter: Weizengebäck mit einem Zettel im Innern, der vor dem Verzehr herauszunehmen ist. Ja, für wie blöd halten die mich denn als Glückskeksesser? Sollten die dann nicht vielleicht auch davor warnen, dass ich mich am Keks verschlucken könnte und im schlimmsten Fall sogar ersticken?
Doch Moment! Bei diesen Warnungen, die wir ja eigentlich schon gar nicht mehr wahrnehmen, werde ich stutzig, weil ich weiß, warum so was inzwischen auf alles Mögliche gedruckt werden muss. Dahinter stecken die Erfahrung und die Angst, für alles haftbar gemacht zu werden.
Ohne meinen Anwalt sage ich nichts mehr. Dieser Satz ist uns als Tatort-Publikum vertraut, doch längst hat er die Drehbücher des Fernsehens verlassen und ist zum Standardsatz für immer mehr Menschen geworden. Unsere Gerichte verhandeln zunehmend Nachbarschaftsstreitigkeiten, Alltagskonflikte und Lapalien. Und wenn du Rechtsschutzversichert bist, dann kostet dich das ja auch nichts. Da wird geklagt, gerichtet, angezeigt, bewiesen, beschimpft, verdächtigt und vors Gericht gezerrt was das Zeug hält. Warum? Entweder weil wir meinen, wir seien im Recht oder weil wir Angst davor haben, ein anderer könne etwas von uns wollen, könne uns Böses wollen.
Was dabei herauskommt, kann keiner wollen: Man sichert sich eben nach allen Seiten ab: Ohne meinen Anwalt sag ich nichts mehr auch nicht Guten Morgen, denn das könnte mir ja falsch ausgelegt werden. Nur ein Beispiel: Im vergangenen Jahr wurden die Versicherungsprämien für freiberufliche Hebammen von 2700 Euro im Jahr auf 3700 angehoben, denn wenn bei einer Geburt etwas nicht nach Plan läuft, dann wird geklagt nicht mehr vor Gott, wie es früher vielleicht noch war, sondern eben vor Gericht. Das Risiko ist den Versicherungen zu groß, also wird die Prämie angehoben.
Mich erschreckt diese Rechthaberei und ich verstehe nicht, warum wir nicht erst einmal das Gespräch suchen. Wieso müssen andere für mich meine Konflikte lösen? Wieso muss ich auf mein vermeintliches Recht pochen, ohne nach dem Recht des anderen zu fragen? Jesus sagt: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. (Lk 6,37)
Was würde sich in unserer Gesellschaft ändern, wenn wir auf die Worte Jesu hören würden? Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lk 6,36) Dann würden wir vielleicht einmal eher bereit sein, fünfe gerade sein zu lassen. Dann würden die Versicherungsprämien für Hebammen nicht mal eben um schlappe 40 Prozent angehoben werden. Dann gäbe es vielleicht wieder die Bereitschaft zur Nachbarschaftshilfe. Dann wäre Mobbing in der Schule einfach nur der normale Streit unter Kindern. Und dann könnten wir uns auf jeden Fall völlig überflüssige Warnhinweise auf Verpackungen sparen.
Rechthaben-Müssen
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