Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.07.11, Landesrabbiner Henry G. Brandt

Wohl denen die da wandeln (eg 295)

Musik 1 / 1. Strophe: (ohne Vorspiel – ab 0’20 – 1’01)Wohl denen, die da wandeln / vor Gott in Heiligkeit, / nach seinem Worte handeln / und leben allezeit; /

die recht von Herzen suchen Gott / und seine Zeugniss' halten, / sind stets bei ihm in Gnad.

Autor: Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, der Choral: "Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit" ist wohl eines der beliebtesten, meist gesungenen und bekanntesten Kirchenlieder, sei es in evangelischen wie auch in katholischen Gottesdiensten. So scheint es mir jedenfalls. Dass ein Jude, und dazu noch ein Rabbiner, gerade dieses Lied für seine Andacht auserwählt, mag Sie vielleicht überraschen. Warum ich mich für, diesen Choral entschieden habe und warum er mir lieb und teuer ist, möchte ich Ihnen in der Folge erklären:

Musik 1 / 1. Strophe: Wohl denen, die da wandeln / vor Gott in Heiligkeit, / nach seinem Worte handeln / und leben allezeit; / die recht von Herzen suchen Gott / und seine Zeugniss' halten, / sind stets bei ihm in Gnad.

Autor: Dieses Lied ist in Charakter und Aussage ausgesprochen jüdisch. Die Menschen sollen danach streben, ihr Leben nach den Gesichtspunkten der Torah, d.h. der Göttlichen Weisungen und Gebote, auszurichten. Nicht Glaube sondern rechtschaffenes Tun dominiert den Text. Überraschen sollte dies niemanden, haben wir es hier doch mit einer poetischen Wiedergabe der ersten acht Verse des weitgehend unbekannten 119. Psalms zu tun. Dieser ist der längste der insgesamt 150 Psalmen. Er besteht aus Gruppen von je acht Sätzen, die jeweils mit dem gleichen Konsonanten des Hebräischen Alphabets beginnen. Acht Verse beginnen mit Aleph, acht weitere mit Bet, acht mit Gimmel und so weiter. Natürlich geht diese Form in der deutschen Übersetzung verloren. Mit dem Choral noch im Ohr lassen Sie uns die ersten und relevanten acht Sätze von Psalm 119 in einer jüdischen Übersetzung hören:

Sprecherin:
Heil denen, deren Weg untadlig,
die in der Lehre des Ewigen wandeln.
Heil denen, die seine Zeugnisse hüten, mit ganzen Herzen Ihn suchen.
Auch keine Ungerechtigkeit verüben, in seinen Wegen gehen.
Du hast Deine Befehle erlassen, dass man sie halte nach Vermögen.
Ach, wären meine Wege doch gerichtet zu halten Deine Satzungen!
Dann werd' ich nicht zu Schanden, wenn ich schaue auf Deine Gebote.
Ich danke Dir mit redlichem Herzen, wenn ich lerne Deine gerechten Vorschriften.
Deine Satzungen will ich halten, verlasse mich nicht gar zu lange. (Psalm 119,1-8)

Autor: „Deine Satzungen will ich halten.“ Der Gesamtkodex religiöser Weisungen und Gesetze wird nach jüdischem Verständnis als die "HALACHA" bezeichnet. Im Sinne unseres Chorals sowie des ihm unterliegenden Psalms kann man diesen Begriff passend als "Das Wandeln" übersetzen.

Musik 2 (Sopran-solo) 2.Strophe: Von Herzensgrund ich spreche: / dir sei Dank allezeit, / weil du mich lehrst die Rechte / deiner Gerechtigkeit. / Die Gnad auch ferner mir gewähr; / ich will dein Rechte halten, / verlaß mich nimmermehr.

Autor: Der Choral ist in dem urjüdischen Buch der Psalmen noch durch einen Bezug auf den zweiten Teil des 19. Psalms untermauert. Entweder stammen die beiden Psalmen 19 und 119 aus der gleichen Quelle, oder zumindest war der Text des älteren dem Verfasser des später geschriebenen Werkes bekannt. Der Gleichklang der Ausdrücke, die hier - besonders im hebräischen Urtext - verwendet werden, lassen einen Zufall beinahe ausschließen. Dazu ist zu bedenken, dass die verschiedenen Begriffe nicht einfach Synonyme darstellen, sondern auf unterschiedliche Kategorien der Weisungen und Gesetze hinweisen. Wie ein Auszug aus Psalm 19 belegt: Nebenbei gesagt: Mit dem „Ewigen“ ist hier Gott gemeint.

Sprecherin:
Die Lehre des Ewigen ist untadelig, seelenerquickend,
des Ewigen Zeugnis bewährt, macht Toren weise.
Die Befehle des Ewigen sind recht, herzenerfreuend,
des Ewigen Gebot ist lauter, erleuchtet die Augen.
Die Furcht des Ewigen ist rein, bestehet ewig,
des Ewigen Aussprüche sind wahr, sind gerecht allzumal. Sie, die köstlicher denn Gold und feines Gold in Menge, und süßer denn Honig und Honigseim.

Autor: Dies alles gehört und gesagt, finden sich doch einige Formulierungen in der Choral-Bearbeitung des Psalmentextes aus dem Jahre 1602, die die christliche Bildung des Dichters widerspiegeln. Cornelius Becker, der die hebräischen Psalmen in deutsche Gesänge übertrug, war eben seines Zeichens evangelischer Pfarrer und später sogar Theologieprofessor. Ein Jude hätte den Choral so nicht geschrieben. Doch hören wir zuerst die 3. Strophe:

Musik 1 (gemischter Chor) 3. Strophe: Mein Herz hängt treu und feste / an dem, was dein Wort lehrt. / Herr, tu bei mir das Beste, / sonst ich zuschanden werd. / Wenn du mich leitest, treuer Gott, / so kann ich richtig laufen / den Weg deiner Gebot.

Sprecherin (3. Strophe) [overvoice]: Mein Herz hängt treu und feste / an dem, was dein Wort lehrt. / Herr, tu bei mir das Beste, / sonst ich zuschanden werd. / Wenn du mich leitest, treuer Gott, / so kann ich richtig laufen / den Weg deiner Gebot.

Autor: "Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd; wenn Du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen, den Weg Deiner Gebot." Eine Entsprechung findet sich in der Psalmvorlage keineswegs. Der Unterschied ist gravierender als es beim ersten Hinhören erscheint, denn hier handelt es sich um die grundsätzliche Frage: bei wem ist eigentlich die Verantwortung für des Menschen Wandel angesiedelt - bei Gott oder beim Menschen? Die Position des Psalmisten ist klar: Gott gibt uns Seine Weisungen und Gebote, und es ist unsere Pflicht und liegt in unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten, sie zu beachten. Cornelius Becker meint hingegen, dass Gott den Menschen leiten und führen müsse, um ihm dies zu ermöglichen. Ein ziemlich anderes Menschenbild, wenn nicht auch Gottesbild. Welche Position die wahre ist, steht mir nicht zu zu entscheiden. Wahrscheinlich gibt der komplizierte Apparat der Bibelinterpretationen genügend Instrumente zur Hand, um beide Meinungen auf einen Nenner zu bringen.
Also kann und werde ich diesen Choral weiter laut und lustig mitsingen, besonders da ich mich mit dem Inhalt der 4. Strophe ganz und vollständig identifizieren kann.

Sprecherin: 4.Strophe (overvoice) Dein Wort, Herr, nicht vergehet, / es bleibet ewiglich, / so weit der Himmel gehet, / der stets beweget sich; / dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit / gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit'.

Musik 1(gemischter Chor) 4. Strophe: Dein Wort, Herr, nicht vergehet, / es bleibet ewiglich, / so weit der Himmel gehet, / der stets beweget sich; / dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit / gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit'.

Musikinformationen:

Musik 1: "Wohl denen, die da wandeln“
Gemischter Chor (Strophen 1.3.4); Sopran solo (Strophe 2); Strophen 1 - 4
Text von Dichter:   Cornelius Becker 1602
Komponist:    Heinrich Schütz
CD: Die schönsten Choräle
Chor:    Wetzlarer Evangeliumschor
unter der Leitung von:  Margret Birkenfeld
Piano:    Martin Wollin

Musik 2.: „Wohl denen, die da wandeln“
Solo-Sopran, Klavierbegleitung, Strophen 1 - 4
Text von Dichter:   Cornelius Becker 1602
Komponist:    Heinrich Schütz
CD: In dir ist Freude. Choräle solo mit Piano, Cembalo und Orgel
Solistin:   Dorothea Rieger
Piano:    Martin Wollin

Audiobeitrag Wohl denen die da wandeln (eg 295)


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