Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.07.11, Joachim Gerhardt

Flüchtlinge

Wer sich in Nordafrika mit 200 anderen Menschen auf ein zwölf Meter langes Fischerboot wagt, um dann mit vager Orientierung auf dem maroden Kahn über das offene Meer

zu fahren, den treibt die nackte Verzweiflung. Einhundertzwanzig Kilometer sind es Minimum bis zum rettenden Ufer. Sie haben es nicht geschafft. Somali, Eritreer, arbeitslose Gastarbeiter aus dem Bürgerkriegsland Libyen, darunter Frauen und Kinder, sind in einem Wellental untergegangen. Das Mittelmeer ist ihr Grab geworden.

Eine Meldung von vielen in diesen Tagen. Seit Ende der 80er-Jahre sind zehn bis 15.000 Menschen bei dem Versuch ertrunken, aus Nordafrika nach Europa zu gelangen. Das sind Opferzahlen wie in einem Krieg. Immer wieder ziehen Fischer aus ihren Netzen Leichen von Ertrunkenen. Manche tragen noch Turnschuhe. Die drei Streifen darauf erscheinen wie das Symbol für eine verheißene Welt, die sie nicht erreicht haben.

Wir reden über Flüchtlingsquoten, über so  genannte Rückführprogramme. Wir reden über Grenzzäune und europaweit koordinierte Überwachungssysteme. Das alles klingt wie ein Planspiel, sehr abstrakt und weit weg – aber im Mittelmeer sterben Menschen. Männer, Frauen und Kinder, die zu uns wollen. Sie zwingen uns, uns unangenehme Fragen zu stellen:

Ja, welchen Wert hat ein Mensch, der Geld verdienen willen, damit seine Kinder eine Ausbildung bekommen können? Welchen Wert hat ein Mensch, der in einem Land geboren wird, das ihm und seiner Familie keine Perspektiven bietet, nicht nur, aber auch weil Handelsschranken unseren Reichtum hier absichern?

Wer politisch verfolgt ist, bekommt Asyl. Klar. Das ist ein Grundsatz unseres Rechtsstaates. Er besteht, auch wenn im konkreten Fall der Weg zur Einlösung lang ist. Aber welches Recht hat ein so genannter „Wirtschaftsflüchtling“?

In den 80er-Jahren hießen sie „Scheinasylanten“. Ein Unwort. Aber sein Geist ist geblieben, wenn Politiker wie ein Berlusconi von der „Flutwelle von Migranten“ sprechen, die europäische Küsten bedrohen. Wenn Populisten auch in unserem Land immer wieder die Angst vor „Überfremdung“ schüren, ohne auch nur einen konstruktiven Vorschlag zu machen, wie wir Menschen besser integrieren können oder die Lebensaussichten in ihrem Heimatland verbessern.

Wir Christen sollten in die Bibel schauen: Das Volk Israel im Alten Testament und ihr Auszug aus Ägypten war nichts anderes als ein großer Exodus von Wirtschaftsmigranten. Von Menschen wie Mose und Aaron, die unter den unwürdigen und erbärmlichen Verhältnissen des Pharaos nicht mehr leben konnten und wollten und die mit viel Gottvertrauen eine bessere Zukunft suchten, für sich und ihre Familien.

Ihr Weg durch die Wüste war hart. Sie war auch eine Odyssee der Verzweifelten. Viele werden auf der Strecke geblieben sein. Doch beim Eintreffen im verheißenen Land sind die Mauern Jerichos eingestürzt, erzählt die Bibel. Mauern zur Abwehr von Menschen halten nicht auf Dauer. Das ist die Botschaft.

Wir müssen anfangen, die Mauern in unseren Köpfen einzureißen. Wirtschaftsflüchtlinge sind Menschen in Not und nur so dürfen wir über sie reden. Auch Wirtschaftsflüchtlinge haben ein Menschenrecht, an dem Wohlstand unserer einen Welt teilzuhaben. Statt in den Bau neuer Mauern zu investieren, sollten wir anfangen nachzudenken, wie wir helfen können, ihre Zukunft zu gestalten. Denn ihre Zukunft ist auch unsere Zukunft.
 

Audiobeitrag Flüchtlinge


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