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Olive und die Welt voller Gott
Manchmal ist die Welt voller Gott. Voll von dem, was ich Gnade nenne, diese Großzügigkeit und Herzlichkeit Gottes, die mich auch immer wieder überrascht.
Manchmal kann ich gar nicht anders, als Gottes Schönheit wahrzunehmen. Sie spiegelt sich in der Welt, die uns umgibt, in den Menschen, die mir am Herzen liegen, sie spiegelt sich in mir selbst. Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer! Ich heiße Britta Jüngst und bin Pfarrerin im Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Sprecher: Die Himmel erzählen von der Schönheit Gottes. Vom Tun seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sprudelt dem anderen Tag Worte zu, eine Nacht gibt der anderen Nacht Wissen weiter. Es ist keine Rede, es sind keine Worte unhörbar ist ihre Stimme. Doch in die ganze Welt ist ihre Stimme ausgezogen, bis ans Ende der Erde ihr Gespräch. (Ps 19,2-5)
Autorin: So singen Verse aus dem 19. Psalm. In diesen Versen haben Menschen vor langer Zeit in Worte gefasst, was sie empfinden, wenn sie am Tag in einer kargen Gegend eine sprudelnde Quelle finden, oder wenn sie nachts in den Sternenhimmel sehen, ganz weit, ganz offen, geheimnisvoll und wunderschön. In der unbeherrschbaren Natur sahen sie Göttliches am Werk. Sie fühlten sich direkt angesprochen, außerhalb von Tempel und Gottesdienst. Ohne Schrift und ohne Worte wurde ihnen klar, dass Gott in der Welt ist. In Liedern, Gedichten, Geschichten geben Menschen dann weiter, was sie erlebt und gefühlt haben. Sie ringen darum, das Wortlose in Worte zu fassen.
Es gehört zu den Aufgaben der Kirchen, darauf zu schauen, wo Gott in dieser Welt gehindert wird durch Ungerechtigkeit, Gewalt, Zerstörung. Und das ist auch gut und richtig so. Dafür sind Christinnen und Christen da. Doch gleichzeitig gilt es auch aufmerksam zu sein für dieses andere:
Manchmal ist die Welt voll von Gott, von Gottes Gnade, Freundlichkeit, Solidarität. Voll davon, dass Gott immer wieder Leben schafft, lebendig macht, Mut schenkt.
Und sie erzählt auch davon, die Welt. Es ist manchmal schwer dies zu Hören im Rauschen des Alltags. Da ist gut, wenn es Menschen gibt, die genau hinhören und verdichten, was sie hören. Schriftsteller und Poetinnen finden Worte für die großen Themen, die Menschen bewegen, so dass sie erzählbar, überschaubar und vielleicht verstehbarer werden. Wie gelingt Leben? Wie gelingen Beziehungen? Ist alles verloren, wenn sie scheitern? Wie finden Menschen wieder zusammen? Und wo bleiben die Erfahrungen meines Lebens, auf die ich so gar nicht stolz sein kann, die ich lieber verschweigen möchte? Wie geschieht Versöhnung? Wie lange ist es möglich, neu anzufangen?
Ein großer Antwortversuch ist der Roman Mit Blick aufs Meer. Er erzählt davon, wie Leben scheitert, wie Leben gerettet werden und neu beginnen kann. Erfahrungen, die ich als Christin mit der Gegenwart Gottes verbinde. Die Hauptfigur des Romans ist Olive Kitteridge.
Musik Brifàmoa, Titel Diatòmic, CD Tradiconàrius 2007
Autorin: Olive Kitteridge lebt in einer Kleinstadt, Crosby in Maine an der nordöstlichsten US-Ostküste. So richtig sympathisch ist sie nicht, was nicht nur daran liegt, dass sie Mathematiklehrerin ist. Sie ist groß, massig, schonungslos direkt sich selbst und anderen gegenüber, launisch, neugierig, mischt sich dauernd in Dinge, die sie nichts angehen.
Ihr Mann Henry er ist Apotheker hat etwas von einem Heiligen. Schon dadurch, dass er sie erträgt und liebt, aber auch, weil er ein feines Gespür hat für Stimmungen und Bedürfnisse anderer Menschen und unendlich hilfsbereit ist. So unendlich freundlich. Das ist Olive wirklich gar nicht. Sie urteilt streng über die Schwäche anderer. Sich selber erlaubt sie keine. Ihre heimliche Liebe zu einem Lehrerkollegen findet das Höchstmaß an Erfüllung darin, dass die beiden morgens gemeinsam zur Schule fahren. Keine Affaire, kein Kuss. Nur ihrer mütterlichen Vernarrtheit in ihren Sohn Christopher kann sie schlecht Zügel anlegen. Als ihr Mann Henry seines Lebens einmal unsicher ist für ihn durchaus untypisch fragt er sie: Olive, du verlässt mich doch nicht irgendwann? Und sie antwortet: Herrgott nochmal, Henry. Du kannst einen wirklich krank machen. So eine ist sie.
Und zugleich so eine: Sie steigt ungebeten und gar nicht willkommen in das Auto ihres ehemaligen Schülers Kevin Coulson. Der will seinem Leben ein Ende machen, weil er nach dem Freitod seiner Mutter keine Heimat mehr findet in dieser Welt. Er wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt dort in seinem Auto mit Blick aufs Meer. Olive Kitteridge hat sich neben ihm festgesetzt, lässt ihrer Neugier freien Laufe, textet ihn zu. Es kostet ihn große Mühe, an seinem Vorhaben festzuhalten. Schließlich erzählt sie ihm unvermittelt, dass auch ihr Vater sich selbst getötet hat, erzählt ihm, wie schwer es für sie war, sich im Leben zu verankern, erzählt von ihrer Sorge, ihr Sohn könnte diese Veranlagung zur Depression geerbt haben. Und schafft für Kevin Coulson wieder eine Verbindung ins Leben hinein. Zwar ärgert er sich darüber, dass diese Hoffnung, dieser Wille zum Leben schon wieder aufkeimt, doch kann er nichts dagegen tun. In ihrer Schonungslosigkeit und Aufrichtigkeit hat Olive seinen Lebenswillen im Kern wachgerüttelt. So ist sie eben.
Musik Brifàmoa, Titel Diatòmic, CD Tradiconàrius 2007
Sprecher: Ein Tag sprudelt dem anderen Tag Worte zu, eine Nacht gibt der anderen Nacht Wissen weiter.
Autorin: Der Roman, für den die Autorin Elizabeth Stroud 2009 den Pulitzer-Preis bekommen hat, erzählt kurze Impressionen aus dem Leben der Bewohner und Bewohnerinnen von Crosby. Eine ganze Welt in einer Kleinstadt. Menschliche und allzumenschliche Tragik, Sehnsüchte, Versagen, Liebe, Sich Kümmern. Ein magersüchtiges Mädchen, dem die Trennung von seinem Freund den Rest gibt, eine alkoholkranke hochbegabte Pianistin, ein Ehepaar, das plötzlich alte Affairen ausgräbt, Olives und Henrys Sohn Christopher, der heiratet und sich scheiden lässt, Kinder, die sich von ihren Eltern abwenden. Und in all diesen Szenen taucht irgendwann irgendwo Olive Kitteridge auf. Am Rande dieser vielen Leben bekommen wir mit, wie Olive älter wird, pensioniert wird, Henry einen Schlaganfall hat und später stirbt, Olive allein ist.
Musik Franca Masu, Titel Quedar-me sola, CD Tradiconàrius 2007
Sprecher: Es ist keine Rede, es sind keine Worte unhörbar ist ihre Stimme. Doch in die ganze Welt ist ihre Stimme ausgezogen, bis ans Ende der Erde ihr Gespräch.
Autorin: Das Merkwürdige an diesem Buch ist, dass all dieses Scheitern, Versagen, die Enttäuschungen nicht deprimieren. Sie trösten eher, wärmen, stärken die Zustimmung zum Leben und lassen irgendwie aufatmen. Das hat damit zu tun, dass in einigen Geschichten Menschen wieder zusammenfinden, die sich vorher mit guten Gründen voneinander verabschiedet hatten, dass wie einer weiß Leben miteinander verwachsen wie Knochen. Und die tun ja auch manchmal weh.
Dass dieses Buch nicht deprimiert, sondern aufatmen lässt, hat natürlich mit Olive zu tun und ihrer so kritisch-selbstkritischen Art. Die führt sie durch große Schmerzen und manches Unverständnis zu einer versöhnlichen Erkenntnis. Am Ende ihres Lebens lernt sie alt, dick, schlaff einen reichen Republikaner mit Bauch kennen. Nicht ihre Partei und gar nicht ihr Fall. Doch nun weiß sie dies, und ich lasse sie zu Wort kommen: Sie weiß,
Sprecherin:dass Liebe nicht leichtsinnig abgewiesen werden durfte, als wäre sie ein Törtchen auf einem Teller voller Süßigkeiten, der immer wieder herumgereicht wird. Nein, wenn Liebe zu haben war, dann griff man entweder zu, oder man griff nicht zu. Und ihr Teller war randvoll gewesen von der Güte Henrys, aber sie hatte darüber die Nase gerümpft, hatte immer wieder entnervt ganze Brocken weggeworfen, alles nur, weil sie nicht begriff, was eigentlich jeder Mensch begreifen sollte: dass so Tag um Tag unter den Fingern zerrann. Und wenn der Mann neben ihr kein Mann war, den sie sich früher einmal ausgesucht hätte, was machte das schon? Er hätte sie sich bestimmt auch nicht ausgesucht. Aber hier waren sie nun, und Olive musste an zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizerkäse denken, solche Löcher brachten sie beide zu dieser Vereinigung mit solche Stücke fraß das Leben aus einem heraus. Sie ließ die Augen zu, und durch ihr müdes Hirn rollten Wellen der Dankbarkeit und der Trauer.
Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht fertig mit ihr.
Musik Clara Andrés, Titel El Rei en Jaume, CD Història des Catalunya
Autorin: Ich habe viel von Olive gelernt. Vor allem dies, das Liebe, Güte, Großzügigkeit, Herzlichkeit, all das, was Gott mir oft durch andere Menschen anbietet, nicht leichtsinnig abgewiesen werden darf. Und dies zweite auch: es ist viel davon in der Welt. Olive sieht sich nicht als religiösen Menschen an. Sie ist ausgesprochen kritisch der Kirche gegenüber. Doch ich fand es hilfreich, auf Olives Stimme zu hören. Es hat mich aber auch nicht überrascht zu erfahren, dass die Autorin Elizabeth Stroud methodistische Pfarrerin war, bis sie wegen ihrer lesbischen Beziehung aus dem Pfarrdienst entlassen wurde.
Sprecher: Fehler wer nimmt sie wahr? Von Verborgenem sprich mich frei! Auch vor den Überheblichen halte zurück, die dir dienen! Dann bin ich vollkommen, frei von großer Schuld. Mögen dir gefallen die Reden meines Mundes. Das Murmeln meines Herzens komme vor dein Angesicht, Lebendiger, mein Fels und mein Erlöser! (Ps 19,13-15)
Autorin: Ich habe viel von Olive gelernt, z.B. (auch), dass Tag und Nacht meist gar nicht pompös von Gott erzählen. Sie finden ihre eigene Sprache. Und manchmal dauert es etwas, bis ich die verstehe. Für die nüchterne Olive und den herzensguten Henry, für Sie und für mich habe ich mir Segensworte aus geliehen, einen Segen, ganz alltäglich, aus einer kleinen Kirche in Baltimore: Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast. Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden, auch sie haben ihre Geschichte. Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung. Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft; denn auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie das Gras. Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön. Sei vorsichtig. Strebe danach, glücklich zu sein.
Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Britta Jüngst von der evangelischen Kirche.
Musik Xazzar, Titel qué hai de malo en resbalar, CD Que No S´escapin Els Gossos
Olive und die Welt voller Gott
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