Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.06.11, Jörn Heller

Zwei-Backen-Gesicht (Matthäus 5,38)

Autor: Es gibt Bibelworte, die wollen einem nicht so ganz einleuchten. Das mit der Backe ist so ein Wort, vorgetragen von Jesus in seiner berühmten Bergpredigt.

„Wenn dir jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ heißt es dort. Peter Ginsberg von der Kripo Siegen äußert Vorbehalte, was den praktischen Nutzen dieses Textes angeht.

O-Ton: „Ich glaube, `ne Lebensweisheit für den Alltag ist das nicht.“

Autor: Als Christ und Realist ist der ehemalige Kriminalhauptkommissar gewohnt, die Dinge von zwei Seiten zu betrachten, und als Christ kann er diesem Bibelwort durchaus etwas ab-gewinnen:

O-Ton: „Also, wenn es um Glaubensdinge geht, dann glaube ich, hat das heute noch seine Bedeutung. Wenn ein Christ um Jesu Namen willen `was einstecken muss, dann sollte er sich überlegen, ob er das nicht vielleicht wirklich besser tut. Denn ich glaube, das ist sehr viel zeugnishafter, als den Weg zu gehen, den alle gehen.“

Autor: Wie aber steht der Realist Ginsberg zu der Zwei-Backen-Taktik?

O-Ton: „Wir haben eine Melkermentalität in unserer Gesellschaft: Wer sich melken lässt, wer sich unterbuttern lässt, wird wieder untergebuttert, wer sich wehrt und sich als Gegner zeigt, wird in Ruhe gelassen. Und aus diesem Grund rate ich dazu, sich zu wehren, aber mit den in unserem Staat erlaubten Mitteln.“

Autor: So kann für Ginsberg das Bibelwort nicht einfach als allgemeine Verhaltensregel gel-ten. Erst recht nicht für diejenigen, die ohnehin schon immer die doppelte Anzahl Ohrfeigen kassieren: Mobbingopfer und andere Unterlegene.

O-Ton: „Wenn ich immer Opfer bin, dann verändert das meine Persönlichkeit, dann habe ich auch schon sofort so `ne Opfererwartung, dann habe ich so `ne schlechte Körpersprache, dann traue ich mir nichts zu. Ich würde einem solchen Menschen vielleicht raten, eine Selbstver-teidigungssportart zu betreiben, um sein Image und sein Selbstbewusstsein aufzupolieren, damit er anders durch Leben gehen kann und nicht so Signale wie `Schlag mich, ich bin so-wieso ein Opfer!´ aussendet.“

Autor: Danach ist die Zwei-Backen-Taktik als zwischenmenschliche Verhaltensregel kei-neswegs in Frage gestellt, sie setzt nur an anderer Stelle ein. Erst wenn man mit erhobenem Haupt durchs Leben gehen kann, ist man ja in der Lage, Schläge gegebenenfalls auch mal einzustecken. Bevor man also die andere Backe hinhält, muss man zunächst einmal Gesicht zeigen können. Dann aber kann die Zwei-Backen-Taktik zu einem deutlichen Zeichen wer-den, dessen praktischen Nutzen auch der Realist Ginsberg zu schätzen weiß:

O-Ton: „Ich denke, wenn man anders reagiert als erwartet, ist das immer auch ein Effekt für den Angreifer. Und wenn man es schafft, dass man das Heft des Handelns in die Hand be-kommt, also dem Angreifer aus der Hand nimmt, hat man, glaube ich, schon die halbe Miete.“

Audiobeitrag Zwei-Backen-Gesicht (Matthäus 5,38)


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