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O komm du Geist der Wahrheit (eg 136)
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Pfingsten liegt hinter uns. Das Fest des Heiligen Geistes.
Doch während wir vor Weihnachten und Ostern unsere Wohnungen schmücken, Geschenke besorgen, Kekse oder Kuchen backen, Verwandte einladen - sind die beiden Pfingsttage von solchen Aktivitäten erstaunlich unbelastet. Offenbar kann nicht einmal die Industrie mit diesem Fest etwas anfangen: Es gibt keine Accessoires, die zu Pfingsten vermarktet werden, keine Lieder, keine Werbespots. Der Heilige Geist, der auf alten Bildern und auch in der Bibel oft in Gestalt einer Taube dargestellt wird, ist offensichtlich schwer zu packen, ist offensichtlich nicht so recht dingfest zu machen.
Sprecher: (1.Strophe): O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.
Choral (1. Strophe): O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, / verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. / Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, / dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.
Autorin: Der Geist der Wahrheit und der Geist der Freiheit dies sind die Stützen der Gesellschaft - So lautet ein Satz des norwegischen Schriftstellers Hendrik Ibsen. Eine Mahnung an alle, an oben und unten, Arme und Reiche. Denn dass das gar nicht so einfach ist, im eigenen Leben auf kleine Ausreden und Unwahrheiten zu verzichten, wissen wir. Dass es zudem bitter weh tun kann, wenn man von einem Freund, einer Freundin belogen wird, auch. Noch dramatischer wird es, wenn z.B. die Verantwortlichen in einer Katastrophe nicht die Wahrheit sagen. Wie wir das bei dem Reaktorunfall in Fukushima wieder erlebt haben. Ehrliche Worte, Worte, die Gefahren nicht verschleiern oder schön reden, tragen in einem solchen Fall dazu bei, dass Leben bewahrt, Leben gerettet wird.
Der Geist der Wahrheit ja, er ist tatsächlich einer der Pfeiler, auf dem ein funktionierendes Staatswesen beruht. O komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein. Verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein - Philipp Spitta, der Mann, der dieses Lied 1833 geschrieben hat, machte sich offenbar nichts vor. Der Geist der Wahrheit ist nicht einfach da.Um diesen Geist müssen wir täglich bitten. Wir müssen ihn herbei singen und herbei rufen, nur dann verbreitet er Licht und Klarheit.
Sprecher: O du, den unser größter Regent uns zugesagt, komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt. Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharfgeschliffnen Waffen der ersten Christenheit.
Choral (2. Strophe:): O du, den unser größter Regent uns zugesagt, / komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt. / Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit / die scharfgeschliffnen Waffen der ersten Christenheit.
Autorin: Philipp Spitta war ein frommer Mann. Er studierte in Göttingen Theologie. Wie viele seiner Freunde liebte auch er die Musik und den Gesang. So fängt er an zu dichten. Er begleitet sich selbst auf der Harfe. Seine Lieder sind romantisch, wehmütig, sie besingen die Lust und den Schmerz.
Zu seinem Freundeskreis in Göttingen zählt auch Heinrich Heine. Doch je intensiver Philipp Spitta sich dem Glauben zuwendet, desto mehr entfernt er sich von seinen Freunden aus Jugendjahren. Heines beißenden Spott über Kirche und Klerus Spitta kann ihn nicht ertragen. 1825 bricht er den Kontakt zu Heine ab. Jetzt widmet er sich ganz dem geistlichen Lied. Von dem Herrn will ich singen; der Herr ist mein Lied! Ihm jauchzen die Morgensterne schreibt er in einem Brief an seinen Bruder. 1830 übernimmt er das Amt des Militär- und Gefängnispfarrers in Hameln. O komm du Geist der Wahrheit dieses Lied mit seiner Klage über die Torheit der Menschen, über das Fehlen von Licht und Glauben entsteht hier. Mitten unter den Dieben und Deserteuren, den Sträflingen, Soldaten und Offizieren.
Sprecher: Unglaub' und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je, darum musst du uns rüsten mit Waffen aus der Höh'; du musst uns Kraft verleihen, Geduld und Glaubenstreu' und musst uns ganz befreien von aller Menschenscheu.
Choral (3. Strophe): Unglaub' und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je, / darum musst du uns rüsten mit Waffen aus der Höh'; / du musst uns Kraft verleihen, / Geduld und Glaubenstreu und musst uns ganz befreien / von aller Menschenscheu.
Autorin: Doch Vorsicht: Wer meint, Philipp Spitta denke bei seiner Klage über Unglauben und Torheit vor allem an die Gefangenen, an die Diebe und Verbrecher, der irrt. Denn die Besuche bei den Soldaten und Offizieren, bei der vergnügungssüchtigen Stadtbevölkerung sind ihm ein viel größeres Gräuel. Er hat keine Lust, ihrem Bild eines unterhaltsamen Predigers zu entsprechen und ihnen unverbindlich schöngeistige Geschichten zu erzählen. Er hasst es, von ihnen zum Tee und zum Spiel gebeten zu werden. Die Häftlinge wiederum mögen den jungen Mann. Unser Pastor versöhnt uns nicht nur mit Gott, sondern auch mit unseren Eltern und Angehörigen sagen sie anerkennend.
Choral (4. Strophe:): Es gilt ein frei Geständnis / in dieser unsrer Zeit, / ein offenes Bekenntnis / bei allem Widerstreit, / trotz aller Feinde toben, / trotz allem Heidentum / zu preisen und zu loben / das Evangelium.
Autorin: Wenn ich mir das Leben auf dieser Welt anschaue, die Kriege und Kämpfe, die Kathastrophen, die durch Naturgewalten entstehen, aber auch die, die wir Menschen verursachen, dann glaube ich: Die Bitte um den Geist der Wahrheit, des Lichtes und der Klarheit gehört zu den wichtigsten Bitten unserer Zeit. Und es beruhigt mich, dass der Heilige Geist so flüchtig ist, sich nicht greifen und festhalten lässt, dass er weht, wo er will. Er reist nicht unbedingt auf dem Ticket von uns Christen. Auch als Christin muss ich immer wieder neu darum bitten, dass er wirkt in dieser Welt. Dass er wirkt auch in uns und durch uns. An seinen Früchten können wir ihn erkennen, wie es der Theologe Helmut Gollwitzer schon vor 45 Jahren auf den Punkt brachte:
Sprecher: Der heilige Geist bewegt unseren Glauben zur Liebe, weg vom Egoismus, auch vom Egoismus der Frömmigkeit, zur Hingabe an die Fürsorge für andere Menschen, weg von unseren Depressionen, unserer Resignation (...) hin zur Freiheit für die anderen, zum Mut in der Politik, zum Durchbrechen der Mauern und Feindschaften zwischen Menschen und Völkern. Wie klein und arm unser Leben sonst aussehen mag, durch den Heiligen Geist kann es ein ausstrahlendes, wichtiges Leben werden.
Choral (Strophe 5:): Du Heil'ger Geist, bereite / ein Pfingstfest nah und fern, / mit deiner Kraft begleite / das Zeugnis von dem Herrn. / O öffne du die Herzen / der Welt und uns den Mund, / dass wir in Freud' und Schmerzen / das Heil ihr machen kund.
Musikinformation: CD-Name: Lobt Gott getrost mit Singen Lieder aus dem Ev. Gesangbuch Chor: Studierende der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg Musikalische Leitung: Andreas Schmidt Text von Dichter: Philipp Spitta
Literaturangaben: Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Stuttgart 2001, S. 849 890 Helmut Gollwitzer, Heiliger Geist, in: Theologie für Nichttheologen, hrsg.v. Hans Jürgen Schulz, Stuttgart 1966, S.166
O komm du Geist der Wahrheit (eg 136)
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