Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.06.11, Pfarrer Max Koranyi

Arbeit

Als meine Großmutter schon sehr, sehr alt war, war sie immer noch beschäftigt. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Sie in einem Altenheim im Liebhartstal,

  am Stadtrand von Wien. Neben ihrem Bett stand ein kleiner Nachttisch. Und dieser Tisch war ihr letzter Arbeitsplatz. Auf ihm faltete sie Papiertaschentücher in immer exakt die gleiche Größe und stapelte sie in Zehnerpäckchen. Auch wenn ich sie besuchte und mich neben sie setzte, ließ sie sich nicht in ihrer Arbeit unterbrechen. Nun mag man vielleicht bemerken: Ist so ein unruhiges Verhalten nicht auch ein Zeichen für einen müde gewordenen Geist? Aber ich glaube das nicht, jedenfalls nicht nur. Denn ein gewisses Pflichtbewusstsein, ja sogar so etwas wie  Lebensfreude darüber, gebraucht zu werden und etwas tun zu können, standen ihr beim Sortieren ins Gesicht geschrieben.

Meine Großmutter war als junges Mädchen beim letzten österreichischen Kaiser in Diensten gewesen. Sie war ausgebildete Näherin und erzählte, wie sie die Roben der Hofdamen abzumessen hatte. Dabei musste sie vor den hochgewachsenen Schönen in der Hofburg immer auf eine kleine Leiter steigen, denn sie selber war nicht sehr groß geraten. Die Nadel blieb ihr Markenzeichen. Schon als Kind kannte ich sie nie anders als neben ihrem Nähkästchen sitzend und beobachtete sie, wie sie oft bis in den späten Abend hinein - mit einer kompakten Stehlampe und einer goldenen Nickelbrille ausgestattet - mit Nähen, Stopfen und Ausbessern nie so recht zu einem Ende kam. Unglücklich aber wirkte sie dabei nie. Sie wusste, was sie konnte. Und wollte es – und das aber auch immer hundertprozentig – dann auch ausführen, so lang es eben ging. Ihren gestopften Strümpfen sah man die Stopfstellen jedenfalls nie an. War sie fertig, halbwegs fertig, dann beugte sie sich zuletzt über die Tageszeitung, die vor ihr auf dem Esstisch ausgebreitet lag und murmelte etwas wie: „Haben die Leut’ nichts Anderes zu tun...?“

Eigentlich sollte es so ja auch sein: Arbeit als eine Art Kunst, die von den unterschiedlichsten Künstlern gekonnt und zufrieden ausgeübt wird: Maler, Lehrerinnen, Beamte. „Ich kenne Deine Arbeit und deine Geduld“, heißt es dazu anerkennend im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Warum also wirken die wenigsten von uns noch so wie meine Großmutter neben ihrem Nähkästchen? Richtig: Unser Alltag ist unruhiger geworden. Vielschichtiger. Weniger geordnet und überschaubar. Während einer Tätigkeit sind wir in Gedanken schon bei der nächsten. Viele müssen sich fast jeden Tag neu entscheiden, wie sie den Ablauf des Tages gestalten wollen. Und dabei – das jedenfalls ist meine Erfahrung – verzetteln wir uns oft derart, dass eine ruhige Phase am Stück, konzentriert und produktiv, längst nicht mehr selbstverständlich ist. „Ich muss heute viel arbeiten“, soll Martin Luther gesagt haben, „drum will ich vorher lange beten.“ Diese Art von Frömmigkeit steckte auch in meiner Großmutter. So war ihr Lieblingslied bis zuletzt:

„Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seiner großen Güte.“ Das reichte zu ihrer Zufriedenheit. Verortet im Hier und Jetzt. Sie wusste, was sie konnte, gut konnte, und beschränkte sich darauf. Sie musste sich nicht jeden Tag neu erfinden. Und als zum Schluss keine Nadel mehr in der Nähe war – sie hätte sowie nicht mehr einfädeln können -, faltete und ordnete sie eben ihre Taschentücher. Das gab selbst noch ihrem Lebensabend Haltung, Ordnung, Contenance. Denn arbeiten, etwas zu tun haben, ist ja eigentlich ein großes Privileg. Manch Stöhnen über Überarbeitung würde zurückgehen, wenn wir uns auf das Machbare, uns persönlich Liegende begrenzen würden. Und dankbar sind für das, was geht. Am Abend dieses Tages, ja auch am Lebensabend überhaupt, lese ich was der Prediger Salomo in der Bibel dazu sagt: „ Meinem Herz verwehrte ich keine Freude, so dass es fröhlich war von meiner Arbeit.“ (Pred 2,10b).

Einen gesegneten Sonntag wünscht Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter

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