Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.06.11, Pfarrer Max Koranyi

Ein Liebesbrief

Liebe Kirche! Heute feierst Du Deinen Geburtstag! Ganz herzliche Glückwunsche zur – sagen wir mal 1981. Wiederkehr Deiner Gründung.

Dieses Jahr habe ich es endlich einmal geschafft, Dir rechtzeitig zu Deinem Fest zu gratulieren. Nun, vielleicht wunderst Du Dich sogar, heute, am Pfingstsonntag so einen fröhlichen Brief in Deinem Himmelspostkasten vorzufinden – übermittelt durch einen Guten Geist. Denn ich stelle mir vor, dass die meiste Post, die Du, liebe Kirche, heutzutage bekommst, stimmungsmäßig etwas anders gestrickt ist: Da liegt etwa ein vorgedrucktes Formular auf Deinem Tisch, dass jemand Dir endgültig gekündigt hat. Oder ein spöttischer Leserbrief, dass wieder einmal Deine Festangestellten sich schlimm verhalten haben. Oder vielleicht sogar ein Kaufangebot, dass man aus Deinem Haupthaus ein Teppichlager machen möchte.

Nein, mein Brief heute ist anders. Er ist nämlich ein Liebesbrief. Denn in unterschiedlichen Gestalten und Ereignissen meines Lebens bist Du mir lieb und wert geworden. Nicht ohne Grund spricht man ja auch von Dir als „Mutter Kirche“, weil bei diesem Titel Heimat, Trost, Zuverlässigkeit und Geborgenheit mitklingt. Mein Vater brachte deshalb meine Schwester und mich in seinem kleinen VW-Käfer jeden Sonntag zu Dir in den Kindergottesdienst in Deine Filiale „Friedenskirche“ in Bonn-Kessenich. Da waren wir vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Dort gab es ein „Fräulein“, so nannte man damals Deine Mitarbeiterin, die mit ihren Stöckelschuhen auf den roten Steinfliesen auf und ab ging und uns dabei die spannende Bibelgeschichte von Joseph und seinen Brüdern erzählte. Wer weiß, vielleicht bist Du mir auch wegen dieser charmanten Dame so sympathisch geworden.

Später habe ich mich dann in Deinen Zimmern richtig verliebt. Das war im Konfirmandenunterricht bei Pfarrer Schumacher, zu dem ich deshalb so gerne ging, weil ich dort auch Claudia mit den schwarzen Haaren traf. Du, liebe Kirche, hast mich damals nie ausgelacht, sondern uns eingeladen, in deinem Tischtenniskeller Beatles-Schallplatten anzuhören. Am Ende der Woche habe ich mich gern in Deine Krypta gesetzt und einem jungen Pfarrer zugehört, der oft ganz wunderbar das ansprach, was mich als Jugendlicher gerade beschäftigte. Deine alten Schriften haben mich immer stärker interessiert, so dass ich längerfristig bei Dir wohnen wollte. Pfarrer bin ich dann geworden und so schließlich ganz bei dir eingezogen. Zur Zeit meines Studiums gab’s immer ausgesprochen interessante Treffen bei Dir. „Frieden schaffen ohne Waffen“ hieß z.B. einer der Abende.

Später habe ich dann meine Frau bei Dir geheiratet. Das war ein wunderbarer Spätsommertag. Und wir durften genau die Musik aussuchen, die uns zu diesem besonderen Fest am geeignetsten erschien. Meine drei Söhne wurden bei Dir getauft - in einem modernen Gemeindezentrum mit Blick über ein weites Land. An diesen kalten Wintertagen kam unsere ganze Familie von weit her – um sich unter deinem Dach als gemeinsamer Heimat zu versammeln.

Die Trauerreden für meine Eltern konnte ich auch bei Dir so halten, dass Du Ruhe, Blumen und Liedern einen großen, tröstlichen Raum schenktest. Und noch etwas: Wie viel Schönheit hast Du über die Jahre und Jahrhunderte bei Dir bewahrt: Herrliche Säulen, wunderschöne Teppiche und all die zauberhaften Töne, die in Dir von Deinem Gebälk zurückklingen. Immer wieder treffe ich gerne Menschen bei Dir, die so wie ich auf der Suche sind nach einem geglückten Leben. Liebe Kirche, für all dies, was mein Leben so reich gemacht hat, wollte ich Dir zu Deinem Geburtstag endlich einmal auch ganz persönlich danken.

Dir - und den Zuhörern ein gesegnetes Pfingstfest wünscht Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter

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