Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.06.11, Pfarrer Max Koranyi

Wochenend-Kinder

Das Wochenende hat zwei Gesichter. Da ist zum einen der viel- wenn nicht gar alles versprechende Freitag.

Inzwischen übrigens – nach vertrauenswürdigen Umfragen – der beliebteste Wochentag der Deutschen. Ab Freitag Mittag ändern sich Stimmung und Gesichter. Früher als sonst darf man das liegen lassen, was einen über die Woche hin beschäftigt, beschwert, bestimmt hat. Und dann geht’s – ja wohin eigentlich? Auch hier haben die meisten Deutschen ihre Gewohnheiten verändert. Gab es früher den Kegelabend am Freitag, den Wochen-Einkauf mit Bürgersteigfegen am Samstag, den Kirchgang und den Braten am Sonntag, so schwingt sich eine Mehrzahl der Zeitgenossen ins Auto, auf’s Fahr- und Motorrad; und lässt die drei schönen Tage zu einer Ausflugs- und Besuchsunternehmung am Stück werden: „Wochenend’ und Sonnenschein.“

So auch unsere Kinder. Längst wohnt keiner mehr von den drei Jungs bei uns. Aber es vergeht kaum ein Donnerstag Abend, an dem nicht telephonisch angekündigt wird, dass zumindest einer von ihnen seine Zelte übers Wochenende bei uns aufzuschlagen gedenkt, um von dieser Basis aus zahlreiche Exkursionen im Nahbereich zu starten. Aber nun weiter zur anderen Seite des Wochenendgesichtes. Denn nach den stürmischen Freitagsgefühlen schleicht sich nach dem Sonntagskaffee oft auch so etwas wie ein bisschen Wehmut ein. Das  mag zunächst daran liegen, dass das abgelaufene Wochenende vielleicht doch nicht in jeder Hinsicht das gehalten hat, was es zunächst überschäumend versprach. Aber der andere Grund zur Nachdenklichkeit liegt sicherlich im Blick auf den morgigen Morgen, den Montag Morgen, des Deutschen unbeliebtesten Morgen, der mit eiserner Regelmäßigkeit sein Kommen nicht nur ansagt, sondern stramm auch durchzuführen versteht.

In solch melancholischen Schwellen-Momenten pflegen sich unserer Kinder vor unserem Kühlschrank zu versammeln. Man will doch etwas mitnehmen - von den schönen, abgelaufenen Tagen. Sicherlich, Bilder und Erinnerungen an einen gemeinsamen Fernsehabend oder Spielenachmittag  oder Kochereignis sind noch da. Aber davon alleine wird man nicht satt. Und so werden Kuchenreste, Suppenportionen, Pestogläser und unaufgebrauchte Müslikartons verteilt, um - ja um auch etwas sichtbar Stärkendes beim Übergang vom Wochenende zum Wochenanfang bei sich zu haben.

Wenn ich mich dann vor dem leeren Kühlschrank – nachdem wir unsere Kinder verabschiedet haben - grummelnd ein wenig über den Raubzug beklage, sagt meine Frau zu mir: „Weißt Du noch, Max, wie Du die Paprikahendeln in Sahnesauce und die Topfentorte in der Tupperwaredose nach unseren Wochenenden bei Deinen Eltern mit nach Hause geschleppt hast? Natürlich erinnere ich mich. Fast scheint dies ein alter Brauch noch aus vorsesshafter Zeit zu sein: Bevor die Kinder die Höhle zum Jagen verlassen mussten, schnürten die Eltern sie in wohligwarme Felle ein. Was haben uns meine Eltern nicht auch schon alles auf den Weg gegeben: So entsinne ich mich sogar an einen 20 Liter Kanister Benzin, den mir mein Vater aushändigte, als wir einmal äußerst knapp bei Tank-Kasse waren. Und zusätzlich habe ich mir selber noch einen edlen Flaschenöffner gemopst.

Offensichtlich wissen die meisten Eltern noch aus ihrer Jugend, wie gut es Kindern tut, nach einem Wochenende die Schwierigkeit des Übertritts in den rauen Alltag durch milde Eltern-Gaben abgefedert zu bekommen. Vielleicht tun sie’s ja auch in der Hoffnung, dass unter solchen Bedingungen der nächste Kinder-Besuch nicht lange auf sich warten lassen wird. Aber egal. Fürsorge der Großen für die Jungen tut letzten Ende allen gut. Und so lese ich in der Bibel dazu: „Es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern.“(2.Kor 12,14b).

Einen sonnigen Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi.

Audiobeitrag Wochenend-Kinder


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