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Das Böse mit Gutem überwinden
Autor:Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem das empfiehlt Paulus im Römerbrief. Dieser Satz steht über diesem Jahr als Losung.
Also eine Art biblisches Motto 2011. Dieser Satz klingt so groß und so schwer, dass ich mich frage: Wie soll das gehen? Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, mein Name ist Joachim Römelt, ich bin Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Solingen Dorp.
Musik: Yas Kaz, CD Yaz Kaz,
Sprecher: Der junge Mann betritt die Zelle. Für einen Augenblick erstarrt er. Dann breitet er die Arme aus und dreht sich langsam um die eigene Achse. Die Zelle ist kaum breiter als die Spannweite seiner Arme. Auf dem Boden eine Decke. Kein Bett, keine Pritsche. Nur die Decke auf dem nackten Stein.
Durch das schmale vergitterte Fenster fällt helles Licht. Draußen im Hof liegen Felsbrocken, die von den Häftlingen mühsam bearbeitet werden mussten. Tag für Tag, unter einer unbarmherzigen Sonne. Er stellt sich den Bewohner der winzigen Zelle vor. Die Stunden allein in diesen kargen fünf Quadratmetern! Die Schikanen und Demütigungen. In seinem Kopf brennt die Frage: Wie kann man 27 Jahre in einer winzigen Zelle sitzen und nach seiner Freilassung bereit sein, den Schuldigen zu vergeben?
Autor: Eine Szene aus dem Film Invictus von Clint Eastwood. Der junge Mann heißt Francois Pienaar und ist im Jahr 1995 Kapitän der Rugbynationalmannschaft Südafrikas. Der Häftling, dessen ehemalige Zelle er auf der Gefängnisinsel Robben Island besucht, heißt Nelson Mandela. 27 Jahre hat Mandela als Staatsfeind Nr. 1 hinter Gittern verbracht. 1994 wird er nach den ersten allgemeinen und demokratischen Wahlen in Südafrika der erste schwarze Präsident des Landes.
Viele haben erwarten, dass der neue Präsident es seinen alten Unterdrückern heimzahlen wird. Aber Mandela enttäuscht sie alle und wählt einen völlig anderen Weg.
Sprecher: Im Präsidialamt haben die weißen Mitarbeiter schon ihre Schreibtische geräumt. Mandela bittet sie, zu bleiben und mit ihm an einem neuen Südafrika zu arbeiten. Er verstärkt die Truppe seiner Leibwächter mit ehemaligen Security Leuten seines Vorgängers de Klerk. Mit Menschen also, die ein paar Jahre früher ohne zu zögern auf ihn und andere Schwarze geschossen hätten. Mandela unterstützt das Rugbyteam Südafrikas, obwohl Rugby bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich Sport der Weißen ist.
Autor: Eastwood zeigt in seinem Film viele fassungslose und verstörte Gesichter: von Weißen, die das Schlimmste befürchtet haben, von schwarzen Weggenossen Mandelas, die nicht begreifen, was er da tut. Und er lässt die Zuschauer mit eben dieser Frage zurück, die der junge Rugbykapitän ausspricht: Wie ist es möglich, dass ein Mensch, der all das erlebt hat, so zur Versöhnung und Güte fähig ist?
Musik Dobnet Gnahore, CD: Na Afriki, Titel 15: Mousso Tilou
Autor: Wie ist Versöhnung möglich? Erwarten sollte man doch, dass einer zurückschlägt, wenn er so lange geschlagen worden ist. Dass einer seine ehemaligen Feinde spüren lässt, was sie ihm angetan haben. Dass einer den Spieß umdreht, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Das ist doch unsere tägliche Erfahrung: dass Gewalt zu immer neuer Gewalt führt, dass diese unheilvolle Kette immer weiter geht. Wie kommt es, dass es einigen Menschen wie Nelson Mandela gelingt, aus dieser unseligen Gesetzmäßigkeit auszusteigen, und etwas ganz Anderes zu leben? Was sind die Faktoren, die so etwas möglich machen?
In Eastwoods Film trägt Nelson Mandela dem jungen Rugbykapitän ein Gedicht vor. Ein Gedicht, das ihn durch die Zeit der Gefangenschaft begleitet hat: Das Gedicht Invictus - Unbezwungen - des Autors William Ernest Henley. Invictus erzählt von einer menschlichen Seele, die auch von schweren Schlägen unbezwungen und unzerstört geblieben ist. Es erzählt von einem Menschen, der trotz schlimmer Erfahrungen der Kapitän seiner Seele geblieben ist. Immer wieder hat Mandela dieses Gedicht meditiert. Und sich auf diese Weise über all die Jahre eine tiefe Gewissheit bewahrt: Ich bin der Kapitän meiner Seele. Niemand kann und darf mir vorschreiben, was ich zu denken und zu fühlen habe: weder die Regierung, noch meine Wärter, noch die schlimmen Umstände, unter denen ich jetzt leben muss, weder meine Feinde da draußen noch meine eigenen Hass- und Rachegedanken hier drin. Keiner von ihnen wird Herr über meine Seele sein, die Gott mir geschenkt hat!
Musik Mavis Staples, CD You are not alone, Titel Jesus is on the mainline
Keiner von ihnen wird Herr über meine Seele sein, die Gott mir geschenkt hat! Offenbar ist das möglich: Dass ein Gedicht, ein Gedanke, einen Menschen so stärkt und beflügelt, dass er auch unter schlimmen Umständen die Kraft findet, weiter zu gehen. Und die Kraft, sich nicht von Rachephantasien durchsetzen zu lassen. Offenbar kann ein einzelner Gedanke zu einem Survival Pack werden, zu einer Notration in Hungerzeiten der Seele. Für Mandela war es dieses Gedicht. Für andere ist es ein Satz aus der Bibel geworden, ein Psalmvers, ein Jesuswort oder etwas Ähnliches. Manna in der Wüste.
Aber das ist es niemals allein. Kein Gedanke kann eine so prägende Kraft entwickeln, wenn da nicht irgendwo Menschen waren, die ihn vorgelebt haben. Menschen, die quasi Lehrerinnen und Lehrer geworden sind für eine gute, liebevolle Art zu denken und zu leben. Menschen, die einem gezeigt haben, dass man selbst ein wertvoller Mensch ist. Und dass das wirklich möglich ist, zumindest ansatzweise und immer wieder neu: der Kapitän der eigenen Seele zu sein. Es gibt wohl keinen stärkeren Schutzfaktor für die menschliche Seele als solche Beziehungen zu Menschen, die verlässlich sind und einem zeigen, wie das Leben menschlich gelebt werden kann.
Das gilt nicht nur für Persönlichkeiten wie Nelson Mandela. Die Spiegel Journalistin Katja Thimm hat sich mit den Biographien von Menschen beschäftigt, die unter äußerst schweren Bedingungen aufgewachsen oder durch schwere Lebenskrisen gegangen sind und dennoch zu einem liebevollen, gewaltfreien, erfüllten Leben gefunden haben. Eines ihrer wichtigsten Ergebnisse ist: Alle Menschen, die trotz schwerster Entbehrungen oder Gewalterfahrungen in der Kindheit einen eigenen guten Weg für sich gefunden haben, hatten an irgendeiner Stelle so etwas wie einen Mentor oder eine Mentorin: mindestens einen Menschen, der ihnen Aufmerksamkeit und Interesse oder kurz Liebe geschenkt hat. Eine Oma. Einen entfernten Verwandten. Eine Nachbarin. Die Mutter einer Freundin. Einen Lehrer. Einen Trainer. Oder sogar den Gärtner:
Sprecher: "Maurice verbrachte die ersten zehn Lebensjahre bei seinen Eltern", erzählt Neuropsychiater Cyrulnik, er spricht von einem Fall aus seiner Praxis: "Alkoholiker, die sich täglich prügelten." Der Junge kam ins Heim und war dort nicht sehr glücklich. Eines Tages jedoch lernte er den Gärtner kennen. "Zum ersten Mal in seinem Leben redete jemand freundlich mit ihm." Der Gärtner, so formuliert es der Wissenschaftler, verzauberte das Leben des kleinen Jungen fortan jeden Tag mit seinen Geschichten über Blumen. Heute ist Maurice Hochschullehrer.
Autor: Vermutlich war diesem Gärtner überhaupt nicht bewusst, welche Rolle er im Leben dieses Jungen spielte. Er wird nicht daran gedacht haben, dass seine Geschichten den Jungen buchstäblich retten würden. Und so ist das oft. Eine Therapeutin erzählt von einem jungen Mann mit ganz ähnlichen Erfahrungen: ein Elternhaus, in dem sich keiner um ihn kümmert. Die Schule, in der er nicht klar kommt und die ihm Angst macht. Keine Erfolgserlebnisse. Niemand in seinem Umfeld, der ihn irgendwie unterstützen oder nur auf ihn achten würde:
Sprecher: An meinem Schulweg lag ein Haus, da wohnte eine alte Frau. Die saß ganz oft am Fenster. Wenn ich daran vorbeigekommen bin, hat sie gelacht und mir zu gewunken. Sie hat einfach nur gewunken! Diese alte Frau, die hat mich damals gerettet.
Autor: Die alte Dame wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, dass sie für das Leben dieses kleinen Jungen eine so große Bedeutung haben würde. Sie würde wahrscheinlich sagen: Was habe ich denn schon gemacht! Gerade das ist das Ergreifende an dieser Geschichte: es ist manchmal so unglaublich wenig nötig, um dem Leben eines Menschen etwas Entscheidendes zu schenken, ihm etwas zu geben, was sein Leben wenden kann. Die Geschichte, die ein Gärtner erzählt. Das ernsthafte Interesse eines Lehrers. Das freundliche Winken einer alten Frau.
Musik Mavis Staples, CD You are not alone, Titel You are not alone
Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Es gibt Menschen, denen das gelingt. Sie haben nicht einfach wiederholt, was sie selbst an Gewalt oder Vernachlässigung erfahren haben. Sie haben einen ganz anderen Weg eingeschlagen als den, der ihnen über weite Strecken vorgelebt wurde. Sie haben nicht einfach mit gleicher Münze heimgezahlt, was ihnen angetan worden ist. Sie haben eine gute Antwort gefunden auf eine böse Vergangenheit. Weil da irgendwo ein Mensch war ja, manchmal wirklich nur einer der ihnen ein anderes Bild vor Augen gestellt hat, wie das Leben gehen kann. Eine Idee. Eine Vision, die er selber verkörpert hat. Und das manchmal mit unglaublich einfachen Mitteln.
Wie oft habe ich das Gefühl: es müsste so unendlich viel getan werden, damit aus einem verletzten Leben ein geheiltes werden kann. So unglaublich viel wäre nötig an Zeit, an Aufmerksamkeit, an Zuwendung, an Gespräch, an ganz konkreter Hilfe. So viel, dass es mich buchstäblich verzagen lässt.
Wenn nicht diese andere Erfahrung da wäre. Die Erfahrung, dass so wenig reichen kann, um eine menschliche Seele zu ernähren. Die Erfahrung, dass nur ein wenig Aufmerksamkeit und Zeit ein menschliches Leben buchstäblich verändern kann. Vielleicht hat Jesus auch das vor Augen gehabt, als er sagte: Selbst wer einem anderen nur einen Becher Wasser gibt es soll ihm im Reich Gottes nicht unvergolten bleiben! Damit hat er die Bedeutung der kleinen, einfachen Gesten unterstrichen, die jeder von uns geben kann. Die manchmal gar nichts bringen. Und manchmal so viel. Wenn Du einem Menschen irgendwo die Tür aufhältst und ihn dabei anlächelst es kann sein, dass Du ihm den ganzen Tag rettest. Es kann sein, dass das die einzige Aufmerksamkeit ist, die er seit längerem bekommt. Es kann sein, dass er sich davon noch tagelang ernährt.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihr Joachim Römelt von der Evangelischen Kirche.
Musik Mavis Staples, CD You are not alone, Titel In Christ there ist no east
Das Böse mit Gutem überwinden
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