|
Anti-Sorgen-Training (Matthäus 6,25-30)
Ich habe in Münster Theologie studiert. Jeden Morgen auf dem Weg zur Uni kam ich an einem Haus vorbei. Auf dessen Wand hatte jemand einen riesigen Vogel gesprüht.
Aus dessen Schnabel kam eine Sprechblase und in dieser konnte man lesen: "Heute schon gelebt?" Der unbekannte Sprüher hatte ja so Recht: Das Leben ist viel zu schön, als dass man es durch zu viel Sorgen regelrecht verpasst. Aber in meinem Kopf hämmerten bloß irgendwelche griechischen Vokabeln und Grammatikregeln herum. Bis unter die Haarspitzen war ich voll von Sorgen, ob ich die Griechischprüfung würde bestehen können. Meine Nerven lagen wochenlang blank.
Jeder Mensch hat Sorgen. Irgendwann hat es einmal angefangen - vielleicht ganz harmlos mit einem Gedanken an den nächsten Tag. Aber dann entwickelt sich aus diesem Gedanken wie von selbst eine Sorge, und aus dieser wächst sofort wieder die nächste hervor. Immer hoffen wir, mit unserem Sorgen einmal an einen Punkt zu gelangen, an dem wir zur Ruhe kommen können; an dem wir buchstäblich "ausgesorgt" haben. Aber noch niemals ist jemand durch Sorgen sorglos geworden. Vielmehr stehen wir alle in der Gefahr, unser Leben ständig zu vertagen. Deshalb empfinde ich es als wohltuend, dass Jesus uns hier unterbricht und sagt: "Sorget nicht!"
In der Bergpredigt zeigt er uns sozusagen sein Anti-Sorgen-Training. Als erstes appelliert Jesus an unseren gesunden Menschenverstand. Er fragt:
Sprecher: "Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?"
Damit nimmt uns Jesus gegen uns selbst in Schutz. Es kann nämlich bei unserem Sorgen so weit kommen, dass wir vor lauter Sorgen um unser Leben unser ganzes Leben zerstören; dass wir uns buchstäblich krank oder einsam sorgen. Jesus zieht eine scharfe Trennlinie zwischen unserem Leben und dem, was uns Sorge bereitet, die Arbeit oder die Gesundheit zum Beispiel. Er unterstreicht: "Das Leben ist mehr!" Und damit wir, deren Herzen lauter kleine oder große Sorgenfabriken sind, wieder ein Gefühl dafür bekommen, was Leben ist, lenkt er unseren Blick weg von uns auf die Vögel und die Blumen:
Sprecher: "Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen."
Als zweites erinnert uns Jesus daran, dass Gott allein es ist, der uns das Leben geschenkt hat und noch erhält. Durch einen Rückschluss vom Kleineren auf das Größere wirbt Jesus um unser Vertrauen zu Gott:
Sprecher: "Seid ihr denn nicht viel mehr als die Vögel? Wenn nun Gott sogar das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird; sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?"
Schließlich bietet Jesus uns im dritten Schritt seines Anti-Sorgen-Trainings eine neue Perspektive an:
Sprecher: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zu fallen."
Wann Sie am Besten mit dem Anti-Sorgen-Training anfangen? Ich würde gleich damit beginnen. Damit der Tag gelingt.
"Lebe heute!": das wünscht Ihnen Pfarrer Reinhard Ellsel aus Lübbecke.
Anti-Sorgen-Training (Matthäus 6,25-30)
|